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Ostergottesdienste und Corona : Merkels undurchdachte Bitte

Osterglocken unter dem Kreuz: Der Dom zu Magdeburg Bild: dpa

Die als „Bitte“ vorgetragene Aufforderung der Kanzlerin, an Ostern keine Präsenzgottesdienste zu feiern, zeugt von Kurzsichtigkeit und trifft die Falschen.

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          Das Ansinnen der Kanzlerin, zu Ostern auf Präsenzgottesdienste zu verzichten, ist ein Lehrstück für eine kurzatmige Pandemiepolitik. Da niemand vorher mit den Betroffenen gesprochen hat, herrscht – weiterhin – auf vielen Ebenen Verunsicherung. Und indem Merkel ihren Plan als „Bitte“ vortrug, hat sie die Kirchen in ein Dilemma gestürzt: Gehen die Bischöfe auf ihre Bitte ein, wirken sie wie Hörige der Regierung und werden dafür von einem Teil der Öffentlichkeit verprügelt. Gehen sie nicht darauf ein, werden die Kirchen ebenfalls verprügelt, weil sie dann als Gesundheitsgefährder gelten. Merkels Plan war aber auch politisch nicht durchdacht. Es war abzusehen, dass einige Ministerpräsidenten nicht mitziehen und der gemeinsame Beschluss schon wieder löchrig wird. Und welches Zeichen setzt die langjährige CDU-Vorsitzende, indem sie den Ferntourismus seit Monaten weitgehend unreguliert laufen lässt, aber die höchsten christlichen Feiertage regelmäßig als epidemiologische Verfügungsmasse nutzt? Und das zunächst in das Framing einer „Osterruhe“ packte?

          Virologisch ergibt Merkels Bitte ebenfalls wenig Sinn. Die großen Religionsgemeinschaften, die für Empfehlungen empfänglich sind, haben schon längst Hygienekonzepte; ihre Gottesdienste haben sich nicht zu Corona-Hotspots entwickelt. Ganz anders sieht es bei einigen radikalen Freikirchen aus. Ausgerechnet dort macht die Kanzlerin mit ihrer Bitte aber überhaupt keinen Eindruck.

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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