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Spahns Wort : Im Bann der Impfmuffel

  • -Aktualisiert am

Impfgegner mach mobil - nicht nur wie hier in Stuttgart. Bild: dpa

Gesundheitsminister Spahn will anders als Söder keine Impfpflicht. Womöglich ist das eine voreilige Festlegung.

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          Wie ein Mantra haben deutsche Politiker den Bürgern seit Beginn der Pandemie hoch und heilig im Wochentakt versichert, dass es keine staatlich durchgesetzte Pflicht zum Impfen gegen das Coronavirus geben werde. Obwohl sie wussten, dass die Zahl der Skeptiker, die sich erst einmal nicht die lebensrettende Dosis eines in Rekordzeit entwickelten Impfstoffs spritzen lassen wollen, noch viel zu groß ist. Ganz zu schweigen von den nicht wenigen Impfgegnern, die sich nicht nur auf „Querdenker“-Demos tummeln.

          Eine Herdenimmunität unter 82 Millionen Einwohnern und damit das vorläufige Ende der Seuche könnte, wenn es dabei bliebe, nicht erreicht werden. Wenn jedoch einmal ein wirksamer Impfstoff verfügbar sei, so die Hoffnung der Politik, würden bei den meisten Vernunft und Einsicht überwiegen. Eine großangelegte Aufklärungskampagne von Bund und Ländern werde zudem weitere Millionen Impfmuffel überzeugen.

          Diese Hoffnung hat sich zur Überraschung der Politik ausgerechnet bei einer der wichtigsten Personengruppen in der Impfreihenfolge bisher nicht erfüllt; obwohl gerade sie einen schnellen Impfschutz bräuchten, um die dramatischen Todeszahlen in Seniorenheimen und Kliniken zu senken. Groß ist offenbar die Sorge bei vielen auch schon vor Corona überlasteten Pflegekräften vor möglichen Gesundheitsschäden durch die neuen Impfstoffe.

          Gut drei Wochen nach Beginn der Impfkampagne hat Bayerns Ministerpräsident Söder deshalb eine Debatte losgetreten, die andere unbedingt vermeiden, wenn nicht gar verhindern wollten. Ohne Rückzugsmöglichkeit festgelegt hat sich dabei Gesundheitsminister Jens Spahn. Er habe im Bundestag sein Wort gegeben, dass es in dieser Pandemie keine Impfpflicht geben werde: „Und das gilt.“ Doch was gilt, wenn trotz größerer Verfügbarkeit des Impfstoffs und flehender Appelle die notwendige Zahl der Impfwilligen im Sommer nicht erreicht wird? Es wäre nicht das erste Mal, dass Spahn die Deutschen um Verzeihung bitten müsste, wenn es doch zur Impfpflicht als letztem Mittel zum Sieg über das Virus kommt.

          Thomas Holl
          Redakteur in der Politik.

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