https://www.faz.net/-gpf-8x5y7

Kriminalstatistik : Ehrlich und präzise

  • -Aktualisiert am

Im Winter 2016 machte die Polizei ernst. Im Düsseldorfer Maghreb-Viertel wurde gezielt nach nordafrikanischen Taschendieben gefahndet. Bild: dpa

Rechtspopulisten berufen sich öfter darauf, dass die Nationalitäten mutmaßlicher Straftäter von Medien absichtlich nicht genannt werden. Um dem entgegenzuwirken, sollte man das Kind einfach beim Namen nennen.

          Es gehört zu den Versäumnissen des gesellschaftlichen und politischen Diskurses in Deutschland, dass über lange Zeit nicht offen ausgesprochen wurde, welchen Anteil Ausländer, anerkannte Flüchtlinge oder auch Asylsuchende an der Kriminalität haben. Es war eine Rücksichtnahme, die dem Bemühen geschuldet war, nur ja niemanden, der kein „biologischer“ Deutscher ist, einem Verdacht auszusetzen – sei er nun falsch oder richtig. Die historischen Wurzeln dieser Scheu sind hinlänglich bekannt.

          Es ist gut, dass sich dieses Verhalten ändert, dass etwa die Innenminister von Bund und Ländern in der Polizeilichen Kriminalstatistik, die an diesem Montag wieder vorgestellt wird, jene Gruppen benennen, die durch überdurchschnittliche Kriminalität auffallen. Polizei und Ermittlern ist ohnehin lange bekannt, um wen es sich handelt. Das wurde besonders augenfällig nach den zahlreichen Straftaten in der Kölner Silvesternacht des Jahres 2015. Kurz danach wurde etwa eine Statistik der Bundespolizei bekannt, aus der hervorging, dass annähernd die Hälfte aller Diebstähle von Taschen und Handgepäck auf deutschen Bahnhöfen im Jahr 2015 von Personen aus nordafrikanischen Ländern verübt wurde. Das zu wissen ist für die Sicherheitsbehörden wichtig, um gezielter gegen Straftäter vorzugehen. Wenn dabei deren Herkunft eine Rolle spielt, muss das berücksichtigt werden. Ganz nüchtern und sachlich.

          Solange das nicht geschieht, solange Politik, Behörden, aber auch manche Medien zwar ohne weiteres bereit sind, junge Männer als besonders anfällig für Straftaten zu identifizieren, jedoch vermeiden zu sagen, dass das auch für Angehörige bestimmter Staaten oder Weltregionen gelten kann, ist das wie Dünger für die Böden, die die Rechtspopulisten bestellen. Wenn diese nicht nur auf die Kriminalität selbst verweisen können, sondern zudem den Verantwortlichen zu Recht vorhalten können, nicht mit offenen Karten zu spielen, schadet die Politik jenen Gruppen, die sie eigentlich schützen will. Dieses Gelände gehört zu den schwierigsten, auf dem Politiker sich bewegen müssen. Im Zuge neuer Ehrlichkeit das Kind mit dem Bade auszuschütten, nach der Devise: „Die Ausländer“, „die Asylanten“ seien nun einmal eher kriminell, wäre fatal für den inneren Frieden. Deswegen ist hier Präzision im Umgang mit Tatsachen und Begrifflichkeiten oberstes Gebot.

          Unbenanntes Dokument

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Union beendet Europawahlkampf Video-Seite öffnen

          Merkel ist auch da : Union beendet Europawahlkampf

          Beim Abschluss des Europawahlkampfs der konservativen EVP in München ist Bundeskanzlerin Angela Merkel mit von der Partie. Das jähe Ende der Koalition aus ÖVP und FPÖ in Österreich ist auch hier Thema.

          Macron reagiert im Livestream Video-Seite öffnen

          „Angriff“ in Lyon : Macron reagiert im Livestream

          In der Fußgängerzone der französischen Stadt Lyon ist offenbar eine Paketbombe explodiert. In einem Live-Interview auf YouTube und Facebook während einer Wahlveranstaltung der Partei La Republique En March sprach Macron von einem Angriff.

          Topmeldungen

          Der russische Präsident Wladimir Putin und Viktor Orban, Ministerpräsident von Ungarn, geben sich während einer gemeinsamen Pressekonferenz in Moskau die Hand.

          Nach Ibiza-Video : Orbán und Putin wenden sich von Strache ab

          In seinem Ibiza-Video hat Heinz-Christian Strache den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán als sein Vorbild bezeichnet. Doch der hat sich nun von Österreichs ehemaligem Vizekanzler distanziert. Auch Putin wendet sich von Strache ab.
          Klimastreik in Turin.

          Klimanotstand : Höllisch, wie das jetzt knallt

          Klimawandel war gestern, heute ist Notstand. Den haben wir zwar nicht den Jungen zu verdanken, aber die schlachten ihn jetzt schwungvoll aus und drängen die Politik in die Ecke. Eine Glosse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.