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Urteil gegen Raser : Auto-Mord

Immer wieder kommt es zu Unfällen mit Rasern. Bild: dpa

Wer alkoholisiert und mit weit über hundert Stundenkilometern auf der Gegenfahrbahn durch die Stadt fährt, kann kaum anderes als eine Verurteilung wegen (versuchten) Mordes erwarten.

          Jedes Kraftfahrzeug, unabhängig von seiner Größe und Geschwindigkeit, ist ein mögliches Mordwerkzeug. Aber nicht jeder Raser nimmt den Tod anderer Menschen billigend in Kauf. Wer freilich, wie in dem jetzt vom Bundesgerichtshof bestätigten Hamburger Fall, alkoholisiert und mit weit über hundert Stundenkilometern auf der Gegenfahrbahn durch die Stadt fährt, kann kaum anderes als eine Verurteilung wegen (versuchten) Mordes erwarten. Schon das Landgericht hatte mit Recht angenommen, dass dem Täter das Leben anderer wie auch das eigene gleichgültig waren.

          Doch muss das selbstverständlich in jedem Einzelfall nachgewiesen werden. Die perversen, mehr oder weniger spontanen Rennen zwischen durchaus nicht nur heranwachsenden Verkehrsteilnehmern sind ohne Zweifel rechtswidrig. In der Regel machen sich solche Raser auch strafbar. Dass aber sogar eine Hochgeschwindigkeitsfahrt mit Todesfolge nicht gleich als Mord anzusehen ist, hat der Bundesgerichtshof selbst deutlich gemacht. Obwohl es um ein Rennen mit etwa 160 Kilometern in der Stunde über den nächtlichen Kurfürstendamm in Berlin ging, hob der BGH die Verurteilung wegen Mordes auf – wegen Widersprüchlichkeiten bei der Feststellung des Tötungsvorsatzes. Das heißt aber zugleich: Auch in solchen Fällen, in denen nicht ein Autodieb mit allen Mitteln der Polizei zu entkommen sucht, sondern sich zwei Kontrahenten zu einem hochgefährlichen Rennen verabreden, ist eine Verurteilung wegen Mordes möglich.

          Was folgt daraus? Ein neuer Straftatbestand ist geschaffen worden; aber an Sanktionsmöglichkeiten ist eigentlich kein Mangel. Man muss solche kriminellen Fetischisten da treffen, wo es wirkt. Aber nicht die Allgemeinheit. Raserei ist durch ein Tempolimit nur bedingt einzudämmen. Denn gerast wird überall, innerhalb und außerhalb von Geschwindigkeitsbegrenzungen, und zwar mit lebensgefährlicher Wirkung – in verkehrsberuhigten Zonen, vor Schulen, auf Landstraßen.

          Das Auto ist gerade für junge Leute, so sie denn überhaupt noch dessen Besitz anstreben, nicht mehr Lieblingsspielzeug und Statussymbol. Für viele aber ist es immer noch unverzichtbares Mobilitätsmittel und Quell von Freiheit und, ja, auch von Freude. Dass mit ihm auch Verbrechen begangen werden (können), ändert daran nichts. Das sollte es auch nicht.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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