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Kommentar zum Missbrauch : Es braucht mehr als einen Kulturwandel

  • -Aktualisiert am

Die katholische Kirche in Deutschland steht wegen vertuschten Missbrauchs vor Problemen. Bild: dpa

Sollte die Katholische Kirche wirklich etwas tun wollen, um Missbrauch in ihren Reihen entgegen zu treten, müsste sie erst einmal die Strukturen ändern.

          In dieser Woche sind Zahlen des Grauens herumgegangen. 4,4 Prozent aller Kleriker in den deutschen Bistümern haben Kinder missbraucht. 1670 Täter in sieben Jahrzehnten. 3677 Opfer, die Hälfte jünger als 13 Jahre, die meisten Jungen, ein Viertel Ministranten. Eine Studie des Mannheimer Zentralinstituts für seelische Gesundheit hat Kindesmissbrauch in 27 Diözesen untersucht. Die Verfasser sagen, das Ergebnis sei nur ein Ausschnitt, „eine untere Schätzgröße“. Die Zahlen liegen in Wahrheit also noch viel höher.

          Doch die Untersuchung war nicht unabhängig. Für diese Studie wurden Akten durchforstet, allerdings von der Kirche selbst. Sie hat die Studie finanziert und die Hoheit über die Archive behalten. Wissenschaftler hatten keinen Zutritt. Sie konnten nur Fragebögen an die Bistümer schicken und die Antworten auswerten. So war es möglich, dass die Bistümer mit unterschiedlich großem Engagement mitmachten. Auch wurden nicht alle Archive gleichermaßen überprüft. Bei einigen ging man weit in die Vergangenheit zurück. Bei anderen wurden nur Täter berücksichtigt, die 2000 noch am Leben waren. Viele Akten sind zudem längst vernichtet worden. Im Erzbistum München und Freising zum Beispiel, wo auch unter Erzbischof Joseph Ratzinger Beweismaterial aus der Welt geschafft wurde. Auch in anderen Bistümern war das so.

          Haben sich die Bedingungen heute wirklich verändert, Missbrauch zu verhindern? Viele Katholiken lassen ihre Kinder nicht mehr mit Priestern allein, schicken sie nicht auf Freizeiten. Geben sie nicht mehr auf Internate. Aber was trägt die katholische Kirche zum Schutz von Kindern bei? Noch vor wenigen Jahren konnte einer der Serientäter vom Canisius-Kolleg ungeschoren seine Verbrechen verüben. Peter R., der in Berlin viele Jungs missbraucht hatte (alle Taten waren verjährt), war ins Bistum Hildesheim versetzt worden. Vor ein paar Jahren wurde ein Fall bekannt und angezeigt, allerdings erst, nachdem die Eltern Druck gemacht hatten. Der Missbrauch war nicht verjährt. Doch bei der Anzeige Ende 2010 verschwieg die Kirche die früheren Verbrechen des Pädokriminellen, obwohl die bekannt waren. Schließlich hatte Peter R. im selben Jahr Schlagzeilen gemacht. Mehr als vierzig ehemalige Schüler berichteten damals von sexuellen Übergriffen. Die Staatsanwaltschaft aber stellte das Verfahren gegen Geldauflage ein. Der Mann wurde behandelt wie ein Ersttäter. Kein öffentliches Interesse, minder schwerer Fall.

          Würden die Verantwortlichen nun anders handeln? Woran bemisst sich, ob sich an der Kultur des Missbrauchs in der katholischen Kirche wirklich etwas ändert? Sicher nicht mit toten Zahlen über tote oder steinalte Täter. Wenn sich die katholische Kirche mit diesem Thema auseinandersetzt, dann in der Vergangenheitsform. Sie behandelt sexuellen Missbrauch als etwas, das weit zurückliegt. Aber es geht doch vor allem um die Gegenwart. Kindesmissbrauch heute. „Ending clergy abuse“ heißt eine Organisation von Menschenrechtsaktivisten aus fünf Kontinenten und siebzehn Ländern. Setzt dem Missbrauch durch Kleriker ein Ende.

          Was muss dafür geschehen? Es muss mehr passieren als ein Kulturwandel. Die Strukturen der katholischen Kirche müssen sich ändern. Sexueller Kindesmissbrauch konnte sich dort auch deswegen so ausbreiten, weil die männerbündische Verfassung das begünstigt. Die Priester entscheiden sich für ein eheloses Leben. Im Gegenzug stehen sie füreinander ein. Ihr Leben lang. Die Priester nennen einander „Brüder“. Der Bischof nennt sie „Söhne“. Die Studie zeigt, dass Priester viel häufiger Täter werden als Diakone, die heiraten dürfen. Mehr als fünf Prozent Täter bei den Diözesanpriestern; ein Prozent Täter bei den hauptamtlichen Diakonen. Eine Kirche, der es ernst wäre mit dem Schutz der Kinder vor sexueller Gewalt, muss sich auch unter diesem Aspekt ernsthaft mit dem Zölibat auseinandersetzen.

          Frauen werden nicht zum Priesteramt zugelassen, spielen also in der Hierarchie keine Rolle. Damit wird sowohl im Allgemeinen wie im Besonderen der Einfluss von Frauen vermindert oder gar ausgeschaltet. Frauen bilden unter pädokriminellen Tätern regelmäßig nur eine kleine Minderheit. Ihre institutionelle Emanzipation – also echte Teilhabe an der Macht – erschwert daher das Wachstum pädokrimineller Strukturen. Ein weiterer, offenkundig mit dem Zölibat zusammenhängender Umstand ist das gestörte Verhältnis der katholischen Kirche zur Homosexualität. Zugleich zieht die ehelose und männerbündische Lebensweise offensichtlich Schwule an, die allerdings ihre sexuelle Orientierung verleugnen müssen. So entsteht eine Dunkelkammer des Verdrängten und Verborgenen. Wie die hohe Zahl der von Klerikern missbrauchten Jungen zeigt, begünstigt auch das eine Kultur des Kindesmissbrauchs.

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