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Holocaust-Gedenktag : Auf unser Land aufpassen

Der Stacheldrahtzaun des früheren Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Bild: dpa

Von „unserem Land“ hat Charlotte Knobloch gesprochen, auf das wir achtgeben sollen. Das richtet sich an jeden. Das Band, das alle verbindet, darf nie wieder zerschnitten werden.

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          Wie konnte es dazu kommen? Diese quälende, ewige Frage muss leider ergänzt werden: Haben wir denn gar nichts gelernt? Trotz einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den europäischen Juden, einer staatlichen Gedenkkultur und einer breiten Behandlung der NS-Herrschaft in Schulen, ist rechtsextremistischer Terror wieder aufgelebt. Auch wenn es für einen Generalverdacht gegenüber dieser doch gereiften Republik und ihrer Organe keinen Grund gibt – so steht man doch fassungslos vor Gewaltausbrüchen, aber auch vor einer Verharmlosung und Instrumentalisierung des Genozids durch Corona-„Querdenker“ und ihren parlamentarischen Flügel.

          Noch mehr Aufklärung über die NS-Untaten kann nie schaden. Dazu muss aber die erschreckende Wahrheit gehören, dass die Verbrechen nicht von finsteren Dämonen aus einer fernen Unterwelt begangen wurden, sondern von Menschen wie du und ich, nicht zuletzt von liberal ausgebildeten Juristen und Medizinern. Soll heißen: Niemand ist davor gefeit. Was sich von selbst verstehen sollte – niemanden aufgrund bestimmter Merkmale zu diskriminieren –, versteht sich eben doch nicht von selbst, nirgendwo.

          Deutschland steht unter besonderer Beobachtung. Dieses Land gibt sich nicht nur staatlicherseits alle Mühe, das Gedenken wachzuhalten und notwendige Rituale nicht wie hohle Pflicht erscheinen zu lassen. Es sollte jeden rühren, wenn Charlotte Knobloch daran erinnert, dass ihr Vater auch als dekorierter Frontsoldat nicht vor Verfolgung verschont blieb – und dass er sie trotz alldem die Liebe zu Deutschland lehrte. „Ich stehe als stolze Deutsche vor Ihnen.“

          Wann hat das jemand zuletzt vor dem Bundestag gesagt – noch dazu so überzeugend. Ein Patriot ist man in der Tat nicht, nur weil man eine Fahne schwenkt. Ein richtiger Patriot kann kein Rassist sein. Wie könnte er seine Landsleute verfolgen! Von „unserem Land“ spricht Charlotte Knobloch, auf das wir aufpassen sollen und das Gott schützen möge. Das richtet sich an jeden. Das Band, das alle verbindet, darf nie wieder zerschnitten werden.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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