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Kommentar zum Fall Susanna F. : Absurde Argumente

  • -Aktualisiert am

Junge Frauen legen an einer provisorischen Gedenkstätte für die getötete Susanna F. Blumen nieder und entzünden Kerzen. Bild: dpa

Hätte die Polizei mehr unternommen, wenn eine andere verschwunden wäre? Nicht Susanna F., die Schulschwänzerin mit psychischen Problemen? Warum der Staat aus diesem Fall Lehren ziehen muss.

          Es sei gut, dass sich „niemand mehr auf dieser Erde sicher fühlen kann, der so etwas getan hat“, sagte Horst Seehofer, nachdem die kurdische Polizei Susannas mutmaßlichen Mörder gefasst hatte. Doch in Deutschland war Ali B. immerhin zwei Wochen lang sicher. Erst als er längst mit seiner Familie in den Irak geflogen war, fahndete die Polizei nach ihm – zwei Wochen nachdem Susanna spurlos verschwunden war, eine Woche nachdem es einen konkreten Hinweis auf ihren Tod gab, obwohl er als Gewalttäter bekannt war und man wusste, dass Susanna und er Kontakt hatten.

          Die täglichen Facebook-Einträge der verzweifelten Mutter zeugen von der Wut auf die Polizei, von der sie sich nicht ernst genommen fühlte. Sie war sich sicher, dass ihre Tochter nicht einfach ausgerissen war. Und sie hatte im Gefühl, dass nicht ihre Tochter die Nachricht geschrieben hatte, die sie nach dem Verschwinden erreichte: Sie sei mit einem Freund in Paris, die Mutter solle nicht nach ihr suchen. Trotzdem passierte wenig.

          Warum wurde nicht früher gehandelt?

          Der Vater sagt, man habe der Mutter vorgeworfen, nicht gut auf sie aufgepasst zu haben. Der Polizeipräsident weist darauf hin, dass es „kein einfacher Vermisstenfall“ gewesen sei, da Susanna öfter die Schule geschwänzt habe und „abgängig“ gewesen sei. Hätte die Polizei mehr unternommen, wenn eine andere verschwunden wäre, eine andere als die Schulschwänzerin mit psychischen Problemen? Wenn eine andere zur Polizei gegangen wäre als Susannas Mutter, deren Facebook-Einträge voller Rechtschreibfehler sind?

          Auch zuvor hat man es nicht sehr genau genommen, als ein elfjähriges Mädchen angegeben hatte, von einem Ali in ihrer Flüchtlingsunterkunft vergewaltigt worden zu sein. Es habe in der Unterkunft mehrere Alis gegeben – so lautet das absurdeste Argument, mit dem die Polizei ihre Untätigkeit begründet.

          Der Fall der Elfjährigen zeigt, dass es Flüchtlinge sind, die als Erste unter der Gewalt anderer Flüchtlinge leiden. In der Unterkunft warnte man sich gegenseitig vor Ali B. Doch obwohl er den Behörden als Gewalttäter bekannt war, hat man ihn die schlimmste seiner Gewalttaten begehen lassen. Und obwohl sein Asylantrag schon vor zwei Jahren abgelehnt worden war, gab es eineinhalb Jahre später immer noch kein Urteil über seine Klage.

          Jene Geflüchteten, die sich damit abmühen, Deutsch zu lernen, Arbeit zu finden und ein Teil dieses Landes zu werden, wünschen sich nichts mehr als Sicherheit und Ordnung. Sie wünschen sich, dass der Staat unterscheidet – und Kriminelle bekämpft. Denn ihre Kinder sind die ersten Opfer. Und nach einer Tat wie dem Mord an Susanna sind sie es, die Misstrauen und Feindseligkeit ertragen müssen.

          Statt sich an dem Gebaren der AfD abzuarbeiten, die den Mord politisch ausschlachtet, sollte nun besser überlegt werden, was zu tun ist. Die chaotischen Zustände beim Bamf müssen weiter aufgearbeitet werden.

          Vor allem aber kommt es auf die Prävention an. Es ist bekannt, dass junge, kriegstraumatisierte Männer ein Problem mit Gewalt haben. Und dass vor allem abgelehnte Asylbewerber straffällig werden. Wenn, wie im Fall des Ali B., auch schon gepöbelt, geprügelt, geschlagen und geraubt wurde, dann darf man doch nicht wegschauen, wenn sich die Zimmernachbarn ängstigen, wenn ein Flüchtlingsmädchen zur Polizei geht und eine Vierzehnjährige verschwindet, die in seinen Bruder verliebt war.

          Livia Gerster

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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