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Steigende Corona-Zahlen : Noch kein „Freedom Day“

  • -Aktualisiert am

Überlastete Krankenhäuser in Russland: An Covid-19 schwer erkrankte Patienten werden in einer Moskauer Klinik versorgt. Bild: AP

Nicht nur in Russland spitzt sich die Pandemie wieder zu. Die relativ hohe Impfquote schützt Deutschland vor einer Überlastung der Krankenhäuser. Doch Vorsicht bleibt angebracht.

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          Wohin fehlendes Vertrauen in den Staat und dessen als Propaganda-Show empfundene Corona-(Nicht)-Maßnahmen führen, lässt sich derzeit in Russland besichtigen. Weil die Bürger wegen maximaler Intransparenz bei der medizinischen Zulassung dem eigenen Impfstoff Sputnik misstrauen, ist nur ein Drittel der Bevölkerung geimpft. Das Virus konnte sich aber auch wegen der Missachtung der Schutzregeln rasant ausbreiten. Nun erreichen die Todeszahlen täglich neue Höchststände. Dass Russlands Herrscher Putin seinen Untertanen nun einen Zwangsurlaub zu Hause verordnet, zeigt die Hilflosigkeit angesichts eines Gegners, der sich nicht mit Lügen und Schönfärberei besiegen lässt.

          Auch in Deutschland steigen die Infektionszahlen wieder deutlich, wenn auch weit weniger schnell als in Russland. Und hierzulande verhindert eine Impfquote von immerhin 66 Prozent der Gesamtbevölkerung zumindest eine Überlastung des Gesundheitswesens, wie sie in Russland oder Rumänien zu beobachten ist. Gesundheitsminister Jens Spahn liegt richtig, wenn er deshalb das Ende der im März 2020 vom Bundestag festgestellten „epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ anstrebt, die seither die rechtliche Grundlage für zentrale Corona-Maßnahmen bietet.

          Dass nun Ministerpräsidenten, allen voran wie stets Markus Söder, weiter auf eine einheitliche Rechtsgrundlage für Corona-Schutzmaßnahmen dringen, zeigt das in der Pandemie gewachsene Gefallen am Durchregieren. Es ist Augenwischerei, wenn die Länder nun beklagen, dass sie im Krisenfall ohne zentrale Regelung nicht reagieren könnten. Sie müssten dazu nur ihre Parlamente lästigerweise ganz demokratisch über Maßnahmen beraten und beschließen lassen.

          Fraglich bleibt, ob es bei der immer noch zu hohen Zahl Nichtgeimpfter bald zum ersehnten „Freedom Day“ wie im durchgeimpften Dänemark ohne Maskenpflicht und 3-G-Regel kommt. In Großbritannien jedenfalls rufen Ärzteverbände angesichts stagnierender Impf- und dramatisch wachsender Corona-Zahlen schon nach einem „Plan B“: Freiheit für vieles im Leben nur mit Impfnachweis.

          Thomas Holl
          Redakteur in der Politik.

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