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Seehofers Rückzug : Der Watschenbaum wird gefällt

Horst Seehofer tritt als Parteichef der CSU ab. Bild: AP

Horst Seehofer gibt den CSU-Vorsitz nicht gerne auf. Doch tut er damit nicht nur seiner Partei einen Gefallen, sondern auch sich selbst. Ein Kommentar.

          Seit zehn Jahren ist Horst Seehofer CSU-Vorsitzender. Elf werden es nun nicht mehr werden. Seehofers Amtszeit reicht noch lange nicht an die fast drei Jahrzehnte heran, die Franz Josef Strauß an der Spitze der Partei stand. Doch lässt Seehofer auf der Liste der Vorsitzenden sogar Edmund Stoiber hinter sich, von seinem Parteifeind Erwin Huber ganz zu schweigen. Wird er aber auch als einer der großen Parteivorsitzenden in die Geschichte eingehen, und das nicht nur wegen seines Gardemaßes?

          Für den kommenden Historikerstreit hat Seehofer reichlich Material angehäuft. Als er 2008 das Ruder in der Partei und in der Staatskanzlei übernahm, war die CSU am Boden zerstört. Damals galten ein Wahlergebnis von 43,4 Prozent als die Mutter aller Katastrophen und die danach notwendige Koalition mit der FDP als Strafe Gottes für christlich-soziale Überheblichkeit. Angeführt von Seehofer gewann die CSU fünf Jahre später die absolute Mehrheit und damit die Alleinherrschaft in Bayern zurück. Unter Horst I. schien alles wieder in die gewohnten königlich-bayerischen Bahnen zurückzukehren. Gewiss, als „Drehhofer“ war er auch damals schon bekannt. Doch seine Neigung zu abrupten Kurswechseln ertrugen die Bayern leichter als seinen hyperaktiven Vorvorgänger Stoiber, der sie zwar nur in eine Richtung trieb, in die Zukunft, aber das mit der Peitsche.

          Merkels Weigerung und Seehofers Taten

          Doch dann kam das Jahr 2015 und der Abend im September, an dem Merkel Seehofer nicht erreichte – weil sie ihn nicht wirklich erreichen wollte oder er nicht wirklich erreicht werden wollte. Schon darüber könnte eine spannende Doktorarbeit geschrieben werden. Die mehrere wissenschaftliche Disziplinen umfassende Erforschung der ganzen Beziehung dürfte etliche Regalmeter füllen. Die Flüchtlingskrise belastete das ohnehin komplizierte und von wechselseitigem Unverständnis geprägte Verhältnis der beiden Parteivorsitzenden bis an die Grenze des offenen Zerwürfnisses. Merkels Weigerung, die anfänglich gemachten Fehler im Handeln und in der Kommunikation einzugestehen, trieb Seehofer seinerseits zu Äußerungen („Herrschaft des Unrechts“) und Taten (Abkanzeln Merkels auf dem Parteitag), die er sich besser gespart hätte – schon weil dem „Kreuzigt sie!“ regelmäßig wieder ein „Hosiangela!“ folgte. Bedrängt von der auch in Bayern anwachsenden AfD und gedrängt von besorgten Stimmen in der eigenen Partei, versuchte Seehofer mit allen Mitteln, im Streit um die Migrationspolitik den Druck auf Merkel zu erhöhen. Im vergangenen Sommer kam es darüber fast zum Bruch zwischen CDU und CSU. Damit aber überspannte Seehofer den Bogen endgültig, auch aus Sicht der wachsenden Zahl seiner Kritiker in den eigenen Reihen.

          Schon das schlechte Ergebnis in der Bundestagswahl hatte Seehofer das Amt des Ministerpräsidenten gekostet. Da zeichnete sich bereits ab, dass ihm im Landtagswahllotto nur sechs Richtige mit Superzahl den Parteivorsitz würden retten können. Angesichts der Aussichten ließ Söder Seehofer die Gnadenfrist gerne. Es kam wie in München oft befürchtet und in Berlin oft erhofft. Merkels Rückzug auf Raten erhöhte den Druck auf Seehofer weiter, den in seinem Fall schon (vor-)letzten Schritt zu tun. Auch die Vorhersage, Seehofer und sein Schützling Maaßen würden gemeinsam bleiben oder gehen, bewahrheitete sich.

          Seehofer geht nicht gerne. Doch leistet er damit seiner Partei einen letzten Dienst. Der scheidende Vorsitzende tut auch sich selbst einen Gefallen. Die CSU kann, wenn es um ihre Zukunftsaussichten geht, so brutal sein wie die SPD. Nur macht ihr das nicht ganz so viel Freude.

          Söder hat nun fünf Jahre, um der CSU den Glauben daran zurückzugeben, dass die Zeit der Volksparteien noch nicht vorbei ist, jedenfalls nicht die der einzigartigen Volkspartei in Bayern. Der Vorsitz wird dem Ministerpräsidenten jetzt auf dem Silbertablett serviert, obwohl er, und nicht Seehofer, Spitzenkandidat in der Landtagswahl war. Gelernte Parteidialektiker behaupten, Söder habe damit noch Schlimmeres verhindert. Seehofer wird auch nicht mehr lange Bundesinnenminister bleiben. Dieses wichtige Ministerium eignet sich nicht als Austragshäusl für den Altbauern, der dann weder in München noch in Berlin noch viel zu sagen hat. Als Gesandter Söders an Merkels Hof käme der übliche Verdächtige, Joachim Herrmann, in Frage. Er wäre deutlich teamfähiger als Seehofer, doch zieht es ihn nicht nach Berlin. Und Söder könnte auch ganz andere Pläne haben.

          In jedem Fall wäre die Annahme voreilig, allein Seehofers Ausscheiden genüge, um wieder die reine Harmonie zwischen den Unionsparteien ausbrechen zu lassen. Die CSU wird aus ihrem Wahlergebnis nicht den Schluss ziehen, nun die Grünen links überholen zu müssen, wie das einige CDU-Politiker im Falle ihrer Partei für angeraten halten. Doch nur das Fällen des Watschenbaums lässt die CSU auch nicht wieder erblühen. Zu alter Stärke findet sie nur mit den alten Tugenden und ein paar neuen zurück. Zuhören und mit den Leuten reden gehörten schon immer dazu. Jetzt pressiert es damit freilich, wie man in Bayern sagt. Im Mai ist Europawahl. Der Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei, der Kommissionspräsident werden will, entstammt der CSU.

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