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Kommentar zu Lesestudie : Bankrotterklärung für Grundschulen

  • -Aktualisiert am

Grundschüler der Wiesbachschule in Grävenwiesbach beim Lesen an Tablets: Immer mehr Viertklässler haben gravierende Lese-Probleme. Bild: Frank Röth

Jedes fünfte Kind kann hierzulande nicht richtig lesen. Während andere Länder die Leseleistung der Zehnjährigen verbessern konnten, fällt Deutschland trotz zahlreicher Förderprogramme zurück. Woran liegt das?

          Warum bloß gelingt es in Nordirland und anderswo, die Leseleistung der Zehnjährigen deutlich zu verbessern, während Deutschland mit sage und schreibe 80 Leseförderprogrammen in der Grundschule, von denen ganze vier wirken, auf der Stelle tritt? Was die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) des Jahres 2016 offenbart, ist eine Bankrotterklärung für viele deutsche Grundschulen. Offenbar gelingt es ihnen nicht, Kindern die kulturellen Standardtechniken so zu vermitteln, dass sie weiterführende Schulen erfolgreich besuchen können – denn jedes fünfte Kind kann nicht richtig lesen.

          Das liegt zum einen an der ungesteuerten Einwanderungspolitik. Zum andern fehlen verpflichtende Sprachstandtests und Sprachförderprogramme vor Schulbeginn, um herkunftsbedingte Unterschiede aufzufangen. Das beste Leseprogramm nutzt aber nichts, wenn die Lehrer nicht wissen, wie sie mit ihm arbeiten sollen. Es gibt Grundschulen, die nicht einmal das Fördermaterial ausgepackt haben. Deren Lehrer haben auch keine Fortbildungen besucht oder vermissen die nötige Unterstützung der Schulleitung. Vor allem aber brauchen sie eine gute Aus- und Fortbildung sowie Wertschätzung für ihre Kärrnerarbeit. Stattdessen steigt in Deutschland die Anzahl der Quereinsteiger in den Grundschulen. Die Fachleute für Sprachförderung fehlen sowohl für das Kindergartenalter als auch für die Grundschule.

          Die Kultusminister dürfen sich nicht wundern, wenn nach jeder neuen Studie der Bildungsföderalismus in Frage gestellt wird. Sie hätten sich längst auf eine Selbstverpflichtung einigen können, nur solche Förderprogramme für Sprache, Lesen und Mathematik einzusetzen, die einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten. Alles andere ist unverantwortlich gegenüber der einen Bildungsbiographie der Schüler und gegenüber dem Steuerzahler, der jahrelang millionenschwere, aber unwirksame Programme finanziert. Aber auch die Eltern müssen ihre Verantwortung wahrnehmen. Die bildungsfernen müssen gezielt unterstützt und bei ihrer Pflicht gepackt werden. Wer Kindern keine lesefreundliche Umgebung schafft, ihnen nie vorliest, nicht mit ihnen redet, in den ständig laufenden Fernseher starrt oder am Handy spielt, der kann auch nicht erwarten, dass die Kinder sich für Bücher begeistern. Es ist deshalb kein Zufall, dass immer weniger Kinder freiwillig täglich lesen.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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