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Kommentar : Welterlösungswahnsinn

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Inszenierung im Haus der Berliner Festspiele: Gudrun Ensslin (gespielt von Susanne Wolff) hängt in „Ulrike Maria Stuart” Bild: picture-alliance/ dpa

Vor dreißig Jahren wurde Hanns Martin Schleyer entführt, 43 Tage später ermordet. Im Kampf gegen die RAF hat der Rechtsstaat an Statur gewonnen. Dass er in Gefahr war, bleibt ein Mythos, meint Georg Paul Hefty. FAZ.NET-Spezial zum Terror, der kein „Deutscher Herbst“ war.

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          Am 5. September 1977 wurde Hanns Martin Schleyer entführt, 43 Tage später ermordet. Es war der einzige Zeitabschnitt, in dem die Bundesrepublik Deutschland einen Kleinen Krisenstab mit allen fachkundigen Beamten und einen Großen Krisenstab mit allen führenden Politikern bildete, bilden musste. Das politische Leben der Republik war gefangen in den Klauen einer Gruppe politisch Wahnsinniger, die sich RAF oder „Rote Armee Fraktion“ nannten, die als Terroristen mystifiziert wurden, die aber nur ziellose, allenfalls selbstbezogene Verbrechen begingen.

          Es hat sich eingeschliffen, die damaligen Wochen, Monate und sogar etliche der siebziger Jahre „deutschen Herbst“ zu nennen. Das war jedoch die Sprachregelung der RAF-Sympathisanten und sonstiger Apokalyptiker, denn der somit fällige Winter folgte keineswegs. Auch passt der „Herbst“ überhaupt nicht zum damaligen Befund gerade der westdeutschen Linken, die in der Brandt-Ära und der danach fortgeführten „sozialliberalen“ Koalition das Tauwetter nach der vermeintlichen Erstarrung unter Adenauer und seinen CDU-Nachfolgern im Kanzleramt gesehen hatte.

          Kauderwelsch revolutionärer Triebtäter

          Noch wirrer aber als die Bezeichnungen, die der Öffentlichkeit von Medienmachern eingeredet wurden, war das Kauderwelsch der revolutionären Triebtäter und ihrer Helfershelfer bis hin zu einem Heer erklärter oder heimlicher Sympathisanten. Das Wortgeklingel sollte die Mischung aus Minderwertigkeitskomplex und Herrschaftsanspruch einiger studentisch und bürgerlich gescheiterter Frauen und Männer übertönen und einem nicht zu Ende bedachten Erstverbrechen, hier einer Brandstiftung, einen weltrevolutionären Anstrich geben.

          Bild: dpa

          Alles weitere waren nur Folgeverbrechen, um der verhängten Erststrafe zu entfliehen. Diese persönliche Mixtur ist sowohl aus der deutschen wie aus der russischen Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinreichend bekannt - wer weiß, was unter dem Einfluss solcher Leute wieder aus dem Land geworden wäre, wenn Bonn doch irgendwie Weimar gewesen wäre.

          Willkür des Terrors

          Ebenso willkürlich wie der Welterlösungsplan war die Auswahl der Opfer. Um an die „Großen“ zu kommen, wurden kleine Beamte wie Polizisten geradezu weggemäht. Bei den Zielpersonen selbst ging es nicht um persönliche Fehler oder Verdienste, sondern allein um deren Funktion: Richter Drenkmann, Bankvorstand Ponto, Generalbundesanwalt Buback, Arbeitgeber-Präsident Schleyer. Daneben Diplomaten, später wiederum Unternehmensführer - die „Klassenfeinde“ und deren „Handlanger“ aus den marxistisch-leninistischen Lehrbüchern eben.

          Deswegen wurden RAF-Leute ebenso wie der internationale Terrorist „Carlos“ von kommunistischen Geheimdiensten geschützt und oft auch benutzt. Der persönliche Lebenslauf der ausgedeuteten Opfer spielte keine Rolle.

          Schleyer wäre auch ohne seine Verstrickung in der Nazizeit entführt worden, so wie seine Begleiter ermordet wurden ohne Rücksicht auf ihr Alter und ihren Werdegang. Es ging der RAF allein darum, Tauschobjekte für ihre inhaftierten Mitglieder zu finden, die vermeintlich mehr wert waren als die im demokratischen Parteienstaat offensichtlich jederzeit ersetzbaren Politiker.

          Und zum System gehörte es auch, kenntnisreiche Verfolger ihrer Straftaten und ihrer Mittäter zu töten, um vor deren kriminalistischen Fähigkeiten bewahrt zu bleiben. Daher der Mord an Buback und die hohe Gefährdung seines Nachfolgers Rebmann oder des Kriminalamtschefs Herold.

          Aus Notwehr wird keine Schuld

          Es gehört zum noch immer nicht ausgerotteten Mythos, dass die RAF den Rechtsstaat in Gefahr gebracht habe. Das Gegenteil trifft zu. Die Bundesrepublik hat damals an Statur gewonnen. Sie hat die Herausforderung bestanden, ohne das Recht zu beugen. Der damalige Bundeskanzler Schmidt fühlt sich zwar an manchen der damaligen Tragödien mitschuldig, weil er den Staat nicht erpressen ließ oder - ins Persönliche gewendet - weil er den Terroristen nicht nachgegeben hat. Doch aus vollbrachter Notwehr wird keine Schuld, zumindest keine, die ein Unbeteiligter dem Beteiligten vorhalten könnte.

          Hätte sich die Bundesregierung 1977 als erpressbar erwiesen, hätte sie 1982/83 wohl nicht die Kraft gehabt, den Nato-Doppelbeschluss durchzusetzen - gegen den Widerstand von Leuten, von denen zuvor viele mit der RAF sympathisiert und „klammheimliche Freude“ über einzelne Morde empfunden hatten. Eine so schwache Bundesrepublik wäre auch nicht zum Hoffnungsanker für die Reformbewegungen in osteuropäischen Ländern geworden, deren Regime entkommenen Terroristen Unterschlupf gewährten - bis zum Zusammenbruch des Sowjetsystems.

          Kein abgeschlossenes Kapitel

          Doch trotz des Zeitenwechsels von 1989/90, der deutschen Einheit und des gesamteuropäischen sowie weltweiten Kampfes gegen den Terrorismus darf das Kapitel RAF nicht abgeschlossen werden. Zum einen sind die Morde an Alfred Herrhausen und Detlev Karsten Rohwedder noch immer nicht aufgeklärt. Sind sie einer dritten, vierten oder gar fünften Generation deutscher Terroristen zuzuschreiben, die auf perverse Art „erfolgreicher“ wären als ihre Vorbilder?

          Da keine Täter gefasst wurden, gab es seither keine Erpressungsversuche. Doch was wäre, wenn die Mörder gefasst würden? Würde die Sympathisantenszene von damals wiederauferstehen, nur gealtert, aber mit dem Zulauf von Jungen?

          Der seit der Wiedervereinigung besonders versöhnungsbereite Rechtsstaat hat ganz ungewöhnliche Karrieren aus zweifelhaftem Umfeld zugelassen bis hinauf in Ministerämter. Gegen die Wandlung vom Saulus zum Paulus ist nichts einzuwenden. Aber das sollte nicht so klammheimlich geschehen dürfen wie die Bekundung des Mescalero, sondern mit einem Eingeständnis früherer Irrtümer. Das könnte heutige Jugendliche vor Irrglauben und Irrwegen bewahren.

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