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Hoffet! : Was Ostern mit der Pandemie verbindet

Die zwölfte Station auf einem Kreuzweg hinauf zu St. Nikolaus auf dem Vestbichl zeigt am 1. April den am Kreuz sterbenden Jesus Bild: dpa

Die Auferstehung Jesu Christi richtet eine klare Botschaft an die Gläubigen: Alles wird gut, auch wenn es noch eine Weile dauert. Unsere Situation im Kampf gegen das Coronavirus ist ähnlich.

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          Das Ende der Geduld ist erreicht. Ermattet und zermürbt schleppen sich die meisten Bürger dem zweiten Osterfest in der Pandemie entgegen. Wieder gelten Kontaktbeschränkungen. Wieder werden die Kirchen weitgehend leer bleiben. Eine bleierne Zeit. Österliche Stimmung wird sich so kaum einstellen. Strom und Bäche sind vom Eise befreit, das ja. Aber das jahreszeitliche Wiederaufleben bezieht sich vorerst bloß auf die Natur.

          Was schmerzlich fehlt, ist die soziale Dimension des Frühlings. „Ich höre schon des Dorfs Getümmel, hier ist des Volkes wahrer Himmel“, heißt es in Goethes Osterspaziergang. „Sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden, aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern.

          Greifbar erst nur im Geist

          Theologisch betrachtet, ist eine Überblendung von Frühlingserwachen und der christlichen Botschaft Unfug. Zwischen dem Kreislauf des Lebens und dem Evangelium besteht keine Analogie, sondern ein Konkurrenzverhältnis. Der Sinn der Auferstehung liegt schließlich darin, die natürliche Ordnung an ihrem entscheidenden Punkt zu durchbrechen: Der Frühling verspricht etwas Vergängliches; das christliche Osterfest etwas Unvergängliches. Aber es hat schon seinen Grund, warum das Frühjahr und Ostern in der Kultur so eng miteinander verschmolzen.

          Beide verheißen zwar Grundverschiedenes. Aber beide verheißen etwas, schillern zwischen einem „Noch nicht“ und einem „Schon jetzt“. Das Frühjahr nimmt die Fülle des Sommers vorweg. Manches ist schon möglich, aber längst nicht alles. Die Badehose muss weiter im Schrank bleiben, aber die Sonnenbrille kann man durchaus bereits hervorkramen. Das Osterfest verweist auf eine ähnliche zeitliche Struktur. Die Erlösung ist nach christlichem Verständnis durch Kreuz und Auferstehung Jesu Christi bereits vorweggenommen. Aber für die Menschen greifbar ist dies vorerst nur im Geist und im Glauben.

          Im Kampf gegen die Pandemie steht die Welt derzeit vermutlich an einem vergleichbaren Punkt. Die Impfstoffe, die dem Coronavirus seinen Schrecken nehmen sollen, sind erdacht, genehmigt und für einen kleinen Teil der Bevölkerung bereits verfügbar. Aber gegenwärtig werden die Menschen noch durch die Pandemie beherrscht, deren dritte Welle sich gerade weiter aufbaut.

          Die Gefahr ist für die meisten Bürger noch nicht gebannt, und die Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit müssen daher weiter strikt befolgt werden. Aus psychologischer Sicht wäre es in einer solchen Situation vermutlich am erfolgversprechendsten, sich wie ein Stoiker im Lockdown einzurichten und so zu tun, also handele es sich um einen Dauerzustand

          Zorn über die Regierung

          Eine solch winterlich-kalte Haltung hilft dabei, die eigene Machtlosigkeit zu verdrängen. Angesichts des greifbaren Auswegs aus der Pandemie in Form der Impfstoffe funktioniert diese Strategie jedoch zusehends weniger. Man sieht die Bilder aus den Ländern, die bereits größere Teile ihrer Bevölkerung geimpft haben, und beginnt zu vergleichen. Die Ungeduld wird so noch drängender und lässt einen jenen Schmerz spüren, den man zuvor vielleicht lange betäubt hatte. Der Zorn über Fehler und Strategielosigkeit der Regierenden tut ein Übriges.

          Wie also umgehen mit der verbleibenden Strecke der Seuche? Auch die ersten Christen standen vor der Aufgabe, ihre Haltung zwischen den Zeiten zu definieren. Paulus schreibt im 2. Korintherbrief, die Gläubigen sollten leben „als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben“. Der Apostel beschreibt damit eine Existenz, die von der Hoffnung zehrt. Das Evangelium ist für Paulus nicht nur ein Trost für die Zukunft, sondern es wird zu einer Kraft für die Gegenwart. Das „Noch nicht“ soll in der eigenen Lebensführung zum „Schon jetzt“ werden.

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          Paulus denkt dabei in mehrere Richtungen: Hoffnung bedeutet für ihn zunächst Freiheit. Nicht in dem Sinn, alles zu lassen oder zu tun, wonach gerade der Sinn steht. Wer so denkt, ist für den Apostel nicht frei, sondern ein Knecht dieser Welt. Paulus geht es um eine Form von Freiheit, die sich zumindest im Geist nicht zu einem Gefangenen der Welt machen lässt. Um eine Freiheit, die nicht aus dem Ist-Zustand lebt, sondern aus dem, was werden soll.

          Diese Ausrichtung auf die Zukunft ermöglicht auch Liebe. Denn wer Hoffnung hat, muss nicht so verbissen um die Gegenwart kämpfen. Der Verzicht fällt leichter, Selbstverwirklichungsimperative verlieren ihre Schärfe. Im Neuen Testament wird zudem ein Zusammenhang zwischen der Hoffnung und der Disziplin hergestellt. Es geht dabei nicht um eine rein äußerliche Einhaltung von Vorschriften oder Gehorsam gegenüber weltlichen Autoritäten. Paulus geht es um eine Form der Selbstbeherrschung, die direkt aus seinem Verständnis von Freiheit folgt: Der Mensch soll sich nicht zum Sklaven seiner schwankenden Bedürfnisse machen oder von der Gegenwart erdrücken lassen, sondern stattdessen den Blick fest auf das Ziel seiner Hoffnung richten.

          Reinhard Bingener
          (bin.), Politik

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