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Kommentar : Führung ist teuer

Deutschland steht gut da. Doch Führung ist teuer. Die Bürger werden sich nicht damit trösten lassen, dass ihr Land ein Hegemon sei.

          Siebzig Jahre nach dem von Deutschland begangenen Völkermord und einem Krieg, dessen Spuren in Europa noch heute zu sehen sind, wird Deutschland in der Welt als Führungsmacht angesehen. Nun war schon die alte Bundesrepublik wirtschaftlich ein Riese; doch damit ist die Lage des seit einem Vierteljahrhundert wieder vereinigten Landes nicht zu vergleichen. Heute ist Deutschland das einzige Land in Europa, das trotz weltwirtschaftlicher Turbulenzen anhaltend gut dasteht. Es ist das einzige Land, das eine solch abrupte Energiewende, bei der deutsche Romantik und Effizienz hoffentlich zu einem guten Ergebnis führen werden, überhaupt glaubhaft in Angriff nehmen konnte.

          Das Wort dieses Landes hat auch auf anderen Feldern Gewicht – die Atomgespräche mit Iran und die Bemühungen zur Beilegung des Ukraine-Konflikts zeigen, dass Deutschland auf Augenhöhe mit den Hauptsiegermächten des Zweiten Weltkriegs handelt, die noch heute ständige Mitglieder des UN-Sicherheitsrates sind.

          Diese Lage kann freilich zu Fehlwahrnehmungen führen. Hinter manchem Lob von außen steckt der nachvollziehbare Wunsch, von der deutschen Stärke zu profitieren: Sei es durch die Forderung nach einem europäischen Sozialstaat, auf den Frankreich hinarbeitet, das deshalb auch Deutschland jetzt großzügig mit dem Titel „Grande Nation“ bedenkt. Sei es durch die Erwartung, ein Hegemon, ganz gleich ob gut- oder widerwillig, müsse eben den Euro-Raum zusammenhalten und das Flüchtlingsproblem größtenteils selbst schultern – koste es, was es wolle.

          Doch hat gerade die Griechenland-Krise auch gezeigt, dass Bewunderung schnell in Hass umschlagen kann und alte Feindbilder rasch wieder abrufbar sind. Auch ist die Stärke Deutschlands keineswegs in Stein gemeißelt. So ist die Altersvorsorge vieler Deutscher in Gefahr, nicht zuletzt wegen der Euro-Krise. Die Aufnahme von (dauerhaft?) 800.000 Flüchtlingen pro Jahr mag ein Ausweis für wahrhaft humanitäre Weltmacht sein. Damit sind Chancen verbunden, aber natürlich auch Kosten, von der Unterbringung bis zur Konfliktverhütung, nicht zuletzt aber sozialer Art. Die Flüchtlinge müssen versorgt werden. Doch auch die Bürger haben Ansprüche gegen ihren Staat. Sie wird man nicht damit trösten können, dass Deutschland doch ein Hegemon sei.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“, „Staat und Recht“ sowie Frankfurter Allgemeine Einspruch.

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