https://www.faz.net/-gpf-872dp

Kommentar : Pack und Politik

Sigmar Gabriel mit Bürgermeister Jürgen Opitz (CDU) am Montag in Heidenau. Bild: dpa

Das „Pack“, von dem Sigmar Gabriel in Heidenau sprach, gibt es in Ost- wie in Westdeutschland. Und dort herrscht nicht nur 25, sondern schon 70 Jahre Demokratie.

          1 Min.

          Heidenau schlägt Entsetzen, auch Verachtung entgegen. Mit einem Lied „Tritt ein, du bist willkommen!“ hatte der Ort in Sachsen vor zwei Jahren für sich geworben – und nun das. Warum aber wird dem Ort unterstellt, er habe keine „Willkommenskultur“? Warum wird dem Bürgermeister, der von Flüchtlingsinitiativen in seiner Stadt berichtet, nicht etwa zugebilligt, die Wahrheit zu sagen, sondern vorgeworfen, die Gelegenheit für eine „zynische“ Imagekampagne zu nutzen? Sigmar Gabriel musste diesen Vorwurf nicht fürchten, als er am Montag den Ort besuchte, in dem Rechtsextremisten mehrmals Krawall gemacht hatten. Aber sein Image wird sicherlich nicht darunter gelitten haben, dass er in Heidenau mehr Journalisten, Mikrofone und Kameras als Flüchtlinge zu Gesicht bekam.

          Die Verachtung rechtsextremistischen Pöbels gehört zur Pflicht jedes anständigen Staatsbürgers, mehr noch als die Verachtung linksextremistischen Pöbels. Denn dessen Zerstörungswut richtet sich gegen Polizisten und Politiker – und gegen Schutzbefohlene. Warum sich diese Verachtung aber auch auf die Städte und Dörfer erstreckt, auf deren Kosten sich dieser Pöbel austoben will, ist unerfindlich. Schließlich sind es diese Städte und Dörfer, auf deren Rücken auch die Flüchtlingspolitik ausgetragen wird. Die aber glänzt nicht gerade durch Handlungsfähigkeit.

          Praktiziert wird die Überheblichkeit von einer westdeutsch geprägten Öffentlichkeit, die sowohl die DDR als auch die Nachwendezeit nur aus Erzählungen kennt, aber nicht miterlebt hat, schon gar nicht hautnah. Die Steigerung von Gutmensch heißt bekanntlich Besserwessi. Besonders der aber müsste wissen, dass es das „Pack“ nicht nur im Osten, sondern auch in westdeutschen Städten gibt – nicht nach 25, sondern nach siebzig Jahren Demokratie.

          Die Politik sorgt dafür, dass dieses „Pack“ nicht Oberwasser gewinnt. Warum das „immer wieder in Sachsen“ nicht gelingt, hätte schon zu stürmischen Pegida-Zeiten die sächsische Staatsregierung alarmieren müssen. Vor allem für die CDU ist das eine Niederlage. In 25 Jahren hat es die „Staatspartei“ nicht verhindert, dass Rechtsradikale in vielen Orten Wurzeln schlugen. Ihr ist ganz offenbar die Sprache abhanden gekommen, die wenigstens erahnen ließe, dass sie handlungsfähig wäre. Das aber, siehe oben, ist kein sächsisches Alleinstellungsmerkmal.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.