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Familienpolitik : Das wachsende Kindergeld

Für diesen Preis gibt es keine Kinder. Bild: dpa

Die Politik kann Eltern und Kindern den Alltag erleichtern. Aber die Erfahrung lehrt: Der Staat gründet keine Familien.

          4 Min.

          Diese Woche ging es im Bundestag um Kinder und Geld. Die Abgeordneten berieten ein Gesetz der Bundesregierung, das Familien bei der Steuer stärker entlastet und das Kindergeld ein wenig anhebt: dieses Jahr um vier, nächstes um weitere zwei Euro. Dann gibt es 190 Euro im Monat für das erste und zweite Kind, 196 für das dritte, 221 für jedes weitere. Wobei nur jede zehnte Frau in Deutschland mehr als zwei Kinder bekommt.

          Auch darüber sprechen Politiker oft: Führt das, was sie Familien anbieten, überhaupt dazu, dass die Leute mehr Kinder kriegen? Im Bundestag waren Finanz- wie Familienpolitiker der Ansicht, dass Geld allein jedenfalls keine Kinder macht. Die CSU-Politikerin Gudrun Zollner brachte es so auf den Punkt: „Nur mit finanzieller Förderung werden wir keinen neuen Baby-Boom auslösen. Wir brauchen ein gesellschaftliches Umdenken, eine Willkommenskultur für Kinder.“

          Das Wort Willkommenskultur gehört sonst zum Vokabular von Politikern, die sich mit Asyl, Einwanderung und Flüchtlingen befassen. Den Satz „Wir brauchen eine Willkommenskultur“ begründen sie meist nicht mit reiner Menschlichkeit, sondern mit dem Fachkräftemangel. Ähnlich betonte Familienministerin Manuela Schwesig von der SPD im Bundestag, dass die Unterstützung von Familien nicht nur als Sozialleistung zu verstehen sei, sondern auch den Wohlstand sichere.

          Eine Willkommenskultur für Einwanderer wünschen sich die Verantwortlichen auch angesichts der bedrohlich alternden Gesellschaft. Wird der demographische Trend nicht gemildert, haben die immer älter werdenden Deutschen kaum eine Zukunft, zumindest sind ihre Rente und ihre Pflege nicht sicher. Also braucht die Gesellschaft Einwanderer – und eben Kinder, zumindest dann, wenn sie ihre Wurzeln nicht kappen will.

          Ausländerbehörden nennen sich neuerdings „Willkommensbehörden“. Erst diese Woche hat die Stadt Mainz beschlossen, bei einem entsprechenden Bundesprojekt mitzumachen, neun andere Kommunen sind schon dabei. Vielleicht heißen die Kreißsäle städtischer Kliniken ja bald auch Willkommenssäle. Aber würde das oder die allerbeste politisch geschaffene Willkommenskultur die Geburtenrate entscheidend beeinflussen? Wissenschaftler zweifeln daran. Ein neuer Baby-Boom ist unwahrscheinlich, ganz egal, was Familienpolitiker sich ausdenken. Das hat weder etwas mit den Zwängen der Finanzpolitik zu tun, noch damit, dass es an Angeboten fehlt. Jungen Familien wird heute viel mehr geboten als früher, nicht nur, aber auch finanziell.

          Arbeitgeber sind nicht erfreut

          Es gibt Betreuungsgeld, Kindergeld und vor allem Elterngeld. Es gibt Kitas, in denen sich Kinder wohlfühlen können, mit Öffnungszeiten, von denen die Eltern der heutigen Eltern nur träumen konnten. Es gibt Tagesmütter und Leih-Omas. Kinder sind fast allen Deutschen willkommen, und nicht nur abstrakt als Retter der Demographie. Sondern auch im Alltag: Fast jeder findet Kinder toll, wie alles, was niedlich oder nicht mehr ganz selbstverständlich ist. Überall bekommen Kinder Gummibärchen, Traubenzucker und freien Eintritt. Selten verdreht jemand die Augen, wenn eine Mutter oder ein Vater irgendwo mit Nachwuchs auftaucht, so lange der nicht zu sehr plärrt. Selbst am Arbeitsplatz ist so ein Besuch Grund zur Freude im Kollegenkreis.

          Das alles ist schön für die Familien, die es schon gibt. Aber neue entstehen offenbar aus anderen Gründen. Einer davon könnte Liebe sein. Ein anderer ist Mut – der Mut, anders weiterzuleben als bisher. Die meisten jungen Leute wollen Kinder, irgendwann, zumindest grundsätzlich. Warum zögern viele? Ein Grund mag sein, dass viele Arbeitgeber nicht hellauf begeistert von Kindern sind, zumindest dann nicht, wenn ihre Angestellten sie bekommen. Das wiederum hängt mit dem Willkommenspaket zusammen, das die Politik für Familien geschnürt hat und das, zum Glück der Familien, immer weiter wächst.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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