https://www.faz.net/-gpf-814i1

Gescheiterte Propaganda : Was Putin nie verstehen wird

Das prorussische Meinungsbild in den Online-Foren ist nicht repräsentativ. Die Deutschen fallen nicht auf die Manipulationsversuche des Kremls herein. Was der russische Präsident für Schwächen des Westens hält, sind in Wahrheit Stärken.

          1 Min.

          Der hybride Krieg, mit dem der russische Präsident die Welt in Atem hält, wird nicht nur in der Ukraine geführt. Gekämpft wird auch in den endlosen Weiten des Internets. Dort, in den Leserforen der Traditionsmedien wie auch vieler neuer, zum Teil obskurer Anbieter, wird um die Deutungshoheit über das Geschehen in der Ukraine gerungen. Und darum, wie die öffentliche Meinung zu diesem Konflikt ausfällt, hat diese doch im Westen Einfluss auf die Politik, jedenfalls nach Überzeugung Moskaus.

          Das im Internet anzutreffende Meinungsbild war zu Beginn der Ukraine-Krise besonders in Deutschland von großem Verständnis für Putin durchzogen, verbunden mit umso härterer Kritik an den Vereinigten Staaten. Schon damals gab es jedoch Zweifel, dass dieses Meinungsbild repräsentativ sei für die öffentliche Meinung. Die vom Institut für Demoskopie Allensbach vorgenommene Umfrage im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bestätigt das Auseinanderklaffen. Die im Netz immer wieder erhobene Behauptung, dort spreche „das Volk“, ist mit gehöriger Skepsis zu betrachten. Das ganze Volk jedenfalls spricht dort nicht, zu keinem Thema. Und auch „die ganze Wahrheit“, wie von Verschwörungstheoretikern aller Couleur angeboten, findet sich dort nie.

          Unverkennbar ist dagegen, dass das Internet für einen Desinformationskrieg missbraucht wird: um Lügen in die Welt zu setzen, um Zweifel an missliebigen Darstellungen zu säen und um Kommentatoren, die anderer Meinung sind, mit Beschimpfungen und Drohungen einzuschüchtern. Das führte dazu, dass manche Online-Foren ihre Kommentarfunktionen schlossen, weil es dort immer weniger um den Austausch von Argumenten ging, sondern oft nur noch um ein Niederbrüllen übelster Art – oder um das Verbreiten von Propaganda. Auffällig war dabei, wie sehr sich die Formulierungen mancher Beiträge ähnelten. Es gab Hinweise darauf, dass einige von Automaten erstellt wurden. Und dass Wutwellen ihren Ursprung nicht in Deutschland hatten.

          Für den Kreml ist Propaganda ebenso ein legitimes Mittel der Politik wie militärische Gewalt. Es ist beruhigend zu sehen, dass die große Mehrheit der Deutschen nicht auf Moskaus Manipulationsversuche hereinfällt, sondern sich selbst ein Urteil bildet. Die Fähigkeit zur Kritik und die Neigung zum Zweifeln zählen nicht zu den Schwächen, sondern zu den Stärken des Westens. Doch das wird einer wie Putin nie verstehen.

          Weitere Themen

          Morales hofft auf vierte Amtszeit Video-Seite öffnen

          Bolivien : Morales hofft auf vierte Amtszeit

          Am Rande einer Wahlkampfkundgebung mit dem linksgerichteten Präsidenten Evo Morales gab es auch Proteste und gewaltsame Auseinandersetzungen.

          Topmeldungen

          Proteste in Hongkong : China setzt auf Konfrontation

          Der Hass auf Peking hat eine radikale Eigendynamik entwickelt. In Hongkongs Jugend wächst die Sehnsucht nach einer eigenen Nation. Für alle Seiten droht ein bitteres Ende.
          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.

          Interview zu Shitstorms : #HASS im Netz

          Nutzer überschwemmen seit Jahren Konzerne, Politiker und Privatpersonen mit empörten Kommentaren. Ein Wissenschaftler erklärt, ob man Shitstorms mit mittleralterlichen Prangern vergleichen kann und ob Klarnamen helfen würden.
          Der Handelsstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China wird nach Ansicht von Fachleuten auf absehbare Zeit im Zentrum des Interesses an der Wall Street stehen.

          Wall Street : Die Skepsis am China-Abkommen wächst

          Im Handelskonflikt zwischen Amerika und China haben Börsianer wenig Hoffnung auf wirkliche Fortschritte. Der positive Auftakt der Bilanzsaison sorgt zwar für etwas Erleichterung – doch sind noch viele Fragen offen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.