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Kommentar : Unser Selbstbild

Millionen Deutsche sind gewaltsam vertrieben worden. Wer denkt an sie? Und was folgt daraus?

          Zig-, ja Hunderttausende sind in diesen Tagen auf der Flucht. Aber was haben uns heute noch jene zu sagen, die vor 70 Jahren in Ostpreußen oder Schlesien gequält wurden, im eisigen Haff ertrunken oder auf dem Balkan in Lagern verreckt sind? Die Formel vom Tod von zwei Millionen Zivilisten, von bis zu 14 Millionen Vertriebenen und von einem Viertel des Staatsgebiets kann nicht annähernd die Leere beschreiben, die bis heute spürbar ist. Unberührt von der Leidensgeschichte der Deutschen, die ihre Heimat für immer verloren, ist kaum eine Familie. Das hat Auswirkungen auf das kollektive Bewusstsein der Nation.

          Bundespräsident Gauck hat jetzt den ersten Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung zum Leben erweckt, ja mehr noch: Der Franziskus der deutschen Politik unternahm in seiner unnachahmlich eindringlichen, weil subjektiven Art eine Reise in die Geschichte jenes Menschheitsverbrechens wie auch des deutschen Umgangs mit der eigenen Vergangenheit – und entwarf zugleich ein Programm für die Zukunft. „Denken wir heute nicht zu klein von uns“, mahnte Gauck mit Blick auf die Integrationskraft nach dem Krieg wie auf die aktuelle Flüchtlingslage.

          Dazu muss man freilich auch die Unterschiede zwischen damals und heute benennen: So wenig willkommen die Deutschen aus Danzig, Königsberg, Stettin und den Weiten des Ostens oft waren – sie kamen als Landsleute. Und bei den bisher vom Staat gesetzten „sichtbaren Zeichen“ besteht die Gefahr, dass durch die bemühte und von sehr ausgewogenen, international besetzten Gremien beaufsichtigte Einbettung der Vertreibung der Deutschen und die chronische Betonung von Vorgeschichte und Zusammenhängen das genozidale Verbrechen an den Heimatvertriebenen verblasst. Dabei ist doch jedem, der bei Verstand ist, der vorausgegangene nationalsozialistische Vernichtungswahn bekannt – und für Spinner braucht man kein Museum. Apropos Museum: Es ist kein Zufall, dass bisher eine etablierte Stätte des Gedenkens fehlt. Obama besuchte Buchenwald, die Queen besichtigt Bergen-Belsen. Doch das Leid der Vertreibung ist offenbar noch nicht vorzeigbar, das Gedenken flüchtig wie die Opfer. Welcher deutsche Staatsmann hat je die Deutschen in Schlesien besucht? Auch das gehört zu jenem „Selbstbild“, von dem Gauck sich wünscht, dass es uns tragen soll.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“, „Staat und Recht“ sowie Frankfurter Allgemeine Einspruch.

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