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Jasper von Altenbockum (kum.)

Muslime in Deutschland : Ein langer Weg

Eines Tages wird es in Deutschland vielleicht muslimische Dörfer geben. Ist das Islamisierung? Ja, nicht des Abendlands, aber doch von Teilen der Gesellschaft. Ist das bedrohlich? Nein, das ist Verfassungswirklichkeit.

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          Es ist nicht leicht für die Muslime auch in Deutschland, nach einem Anschlag wie dem in Paris die Balance zu halten. Die Konflikte und Kriege der arabischen Welt, wo alles andere als der Frühling ausgebrochen ist, werden in ihre Länder getragen. Diese Länder wollen sich nur dann mit dem neuen, dem islamischen Bestandteil ihrer Kultur identifizieren, wenn er Aufgaben übernimmt, die Selbstbewusstsein voraussetzen, aber aus der Defensive wahrgenommen werden. Von deutschen Muslimen wird erwartet, dass sie gesellschaftliche Integrationsarbeit übernehmen bis hin zur Sozialarbeit; dass sie sich gleichzeitig aber von fundamentalistischen Verformungen ihres Glaubens distanzieren, deren Grenzen zum Islam nicht etwa glasklar sind, sondern fließend.

          Hinzukommt, dass nicht nur die Muslime in Deutschland noch auf der Suche sind. Die deutsche Gesellschaft ist es auch. Ausdruck dieser Suche ist der Satz, den sich auch die Bundeskanzlerin zu eigen gemacht hat: Der Islam gehöre zu Deutschland. Das ist einerseits eine Binsenweisheit, andererseits eine Kulturrevolution, je nach dem, wie tief der Satz in den Brunnen der Geschichte fällt. Es wird wohl nie zu hören sein, wie er aufschlägt, schon wegen der schrillen Begleitmusik nicht, die von Multikulti bis Pegida reicht.

          Die Islamkonferenz, die politische Wünschelrute auf der Suche der Deutschen und der Muslime nach einer gemeinsamen Zukunft, sollte aber deutlich machen, dass dieser Satz mehr in sich birgt als nur die Bauordnung zur Bestimmung der Minaretthöhe. Es wird dann eines Tages muslimische Wohlfahrtsverbände geben, muslimische Feiertage, muslimische Pflegeheime, vielleicht sogar muslimische Dörfer. Ist das Islamisierung? Vielleicht nicht gleich des Abendlandes. Aber von Teilen der Gesellschaft schon. Ist das bedrohlich? Nein, das ist Verfassungswirklichkeit.

          Auf die Muslimverbände, die sich am Dienstag mit ihrer Mahnwache vor dem Brandenburger Tor zwischen Selbstbewusstsein und Defensive einen Schritt weiter vorgewagt haben, kommt es dabei nicht einmal in erster Linie an. Sie haben nur begrenzten Einfluss auf eine Glaubensgemeinschaft ohne institutionelles Korsett. Es sind die Muslime selbst, die Imame, die Moscheevereine, die sich fortentwickeln müssen. Sie müssen dazugehören wollen. Nur dann kommt die Anerkennung. Mag der Weg auch noch so lang und mögen die Rückschläge noch so groß sein.

          Jasper von Altenbockum
          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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