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Kommentar : Seelsorger der Nation

Joachim Gauck ist der neue Bundespräsident. Bild: reuters

Joachim Gauck, den elften Bundespräsidenten, begleiten gewaltige Erwartungen ins Amt. Die Deutschen sehnen sich nach einem Havel an der Spitze ihres Staates.

          Es schien alles endgültig entschieden zu sein, vor zwei Jahren, als Joachim Gauck sich für die Kluge-Köpfe-Serie dieser Zeitung fotografieren ließ, als Bürger Gauck, mit dem Rücken zum Schloss Bellevue. Er hatte damals die Wahl zum Bundespräsidenten erwartungsgemäß, wenn auch zu allgemeinem und wohl persönlichem Bedauern verloren, die Freiheit des Pensionärs aber behalten. Fortan konnte er tun, was er am liebsten und am besten tat: als Wanderprediger der Demokratie und der Freiheit durchs Land ziehen, mit einem Ruf wie Donnerhall, jedenfalls im Westen. Er genoss das Ansehen eines „elder statesman“ der Helmut-Schmidt-Klasse, ohne – die Leitung einer Behörde erhebt noch nicht in diesen Stand – jemals ein Staatsmann gewesen zu sein.

          Von nun an verlangt das Schicksal diesen Vorschuss von ihm zurück. Den elften Bundespräsidenten begleiten Erwartungen, wie sie größer kaum sein könnten. Selbst einem Selbstbewusstsein wie dem seinen müssen sie Respekt abnötigen. Gauck zieht nicht nur mit einer überwältigenden Mehrheit, sondern auch mit einem umfassenden Sanierungsauftrag ins Schloss: Er soll ein Amt, dessen Würde und Ansehen gelitten haben, wieder zu alter Höhe aufrichten. Volk und politische Klasse erwarten von ihm, dass er nach einer hingeworfenen und nach einer gescheiterten Präsidentschaft dem Verfassungsorgan, das er verkörpert, so viel Glanz verleiht, dass der alte Satz, (West-)Deutschland habe Glück mit seinen Staatsoberhäuptern gehabt, in Summe wieder stimmt.

          Joachim Gauck nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses: Der 72 Jahre alte Kandidat von Union, SPD und FDP erhielt in der Bundesversammlung im ersten Wahlgang 991 von 1228 gültigen Stimmen

          Denn die Deutschen hängen an ihrem Paradoxon im Verfassungsgefüge, das Einfluss auf sie ausüben soll, ohne im herkömmlichen politischen Sinne Macht über sie zu haben. Man erwartet vom Bundespräsidenten, dass er im Fürsorgestaat – für alles hat die moderne Gesellschaft einen Dienstleister – die Versorgung mit Geist und Moral sicherstellt. Mehr als den anderen Staatsorganen wird ihm die Aufgabe politischer Sinnstiftung zugeschrieben. Er soll Hefe in die gesellschaftlichen Debatte rühren und zugleich den Kitt liefern, der die Gesellschaft zusammenhält. Ihm gibt man auf, den Stoff zu weben, aus dem die Träume von einem gerechten und friedlichen Gemeinwesen sind, in Deutschland und der ganzen Welt.

          Pastor, Bürgerrechtler und „Demokratielehrer“

          Diese Jobbeschreibung hat selbst Gauck einmal eine „mission impossible“ genannt. Doch wer sollte sich nach der unglücklichen Vorgeschichte noch an sie heranwagen, wenn nicht der freischaffende „Demokratielehrer“, der seit zwei Jahren auf Tournee war mit dem Stück „Wie man es besser machen könnte“?

          Der Pastor, der zum Bürgerrechtler wurde, ist den in ihn gesetzten Hoffnungen zufolge der deutsche Havel, nach dem sich besonders die linken Intellektuellen im Westen so sehnten – sosehr, dass sie bereitwillig übersahen, wie fern er ihnen auf manchen Feldern steht. Und dass der Ostdeutsche im Osten nicht ganz so durchgängig verehrt wird wie im Westen.

          Endlich den Solitär gefunden zu haben, der dem Land der Dichter und Denker gut zu Gesicht steht, hinderte die Finder freilich nicht daran, ihn noch vor der Wahl in die Schablonen pressen zu wollen, die man angeblich loswerden wollte. Denkt er auch genug ans Soziale? Hat er nicht nur ein einziges Thema, die Freiheit?

          Ein solcher Vorwurf kann wohl nur in Deutschland erhoben werden. Er zeigt, wie wenig Wertschätzung die liberale Idee, die es in deutschen Landen immer schon schwer hatte, in dieser Republik noch erfährt. Und wie sehr ein Bundespräsident nottut, dessen Lebensthema die Freiheit des Bürgers ist: Freiheit im klassischen Verständnis als Freiheit vom Staat, aber auch Freiheit zum Engagement, zur Verantwortung, zur „Bezogenheit“, wie Gauck sagt.

          Als die Wulffs ins Bellevue kamen, war von den deutschen Kennedys die Rede. Ihnen folgt jetzt ein Hausherr mit weit geringerem Glamour-Faktor, der aber den vielzitierten (und wenig beherzigten) Satz des amerikanischen Präsidenten nicht nur in eigenen Worten, sondern auch mit eigener Glaubwürdigkeit vortragen kann und wird: Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst.

          Die Bundeskanzlerin gratuliert: Mit Angela Merkel und Joachim Gauck stehen nun zwei ostdeutsche Protestanten an der Spitze des Staates

          Es ist damit zu rechnen, dass Gauck bei der Auslegung des Kennedyschen Imperativs für das höchste Staatsamt für manche Überraschung sorgen wird. Das mag zu den Gründen der Kanzlerin gehört haben, ihn abzulehnen, bevor er ihr aufgezwungen wurde. Gauck ist ihr nicht verpflichtet, was aber auch für sie ein Vorteil sein kann.

          In jedem Fall belegen die beiden ostdeutschen Protestanten an der Spitze des deutschen Staates, dass die Wiedervereinigung nicht nur nach dem Prinzip der Einbahnstraße verlief. Sie führen auch vor, wie bis zur Unsinnigkeit oberflächlich die Einteilung in „Ossis“ und „Wessis“ war und ist. Frau Merkel, die Integrierte, und Gauck, der Integrierer, könnten nicht viel unterschiedlicher sein, was Temperament, Rollenverständnis und Zugang zur Politik angeht.

          Das gilt auch für die Bedeutung, die sie dem Wort im politischen Prozess geben können. Das Pathos, mit dem Gauck seine Reden grundiert, mag manchem in Berlin bald als überreichlich erscheinen. Doch klagt das Volk seit Frau Merkels Amtsantritt über eine Unterversorgung mit rhetorischer Wärme und Verortung in der Geschichte. Der Deutsche lebt gerade in Zeiten der Verunsicherung nicht vom Pragmatismus allein. Der neue Seelsorger der Nation wird auch diese Lücke füllen.

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