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Einwanderung aus dem Kosovo : Willkommen in Deutschland!

Aufstiegswillig, fleißig, familienorientiert: Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Kosovo sollten uns willkommen sein. Bild: dpa

Es ist gut, dass so viele Kosovaren zu uns wollen. Denn sie sind eine Chance für uns. Jetzt ist es Zeit für deutschsprachige Schulen im Kosovo. Ein gemeinsames Plädoyer für mehr Gelassenheit und ein paar Investitionen.

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          Deutschland steuert auf einen Fachkräftemangel zu, der unseren Wohlstand bedroht. So ist es seit Jahren zu hören. Der Fachkräftemangel ist ein Märchen der Industrie, die durch den Zuzug hochqualifizierter Ausländer das einheimische Lohnniveau drücken will – auch das hört man oft. Richtig ist: Einen umfassenden Fachkräftemangel gibt es in Deutschland nicht. Das erfahren manche der angeblich so begehrten deutschen Ingenieure leidvoll, wenn sie nach dem Studium auf Jobsuche sind. In wenig attraktiven Berufen und Regionen mangelt es aber tatsächlich an Bewerbern.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Das boomende Frankfurt hat Schwierigkeiten, neue Leute für die Müllabfuhr zu finden. Probleme haben auch Regionen, in denen sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Berlin ist in, Boitzenburg nicht. Zudem locken akademische Karrieren. Die Hörsäle sind voll, aber manch ein Bäcker, Maurermeister oder Hotelier findet keine Auszubildenden. Gravierend ist der Fachkräftemangel in Jobs, die schlecht bezahlt oder aus anderen Gründen unattraktiv sind, in der Krankenpflege etwa: Schichtarbeit, hohe körperliche Anforderungen, karger Verdienst.

          Rupert Neudeck ist Autor und Gründer des gemeinnützigen Vereins „Cap Anamour“ sowie Vorsitzender des Friedenscorps Grünhelme.

          Hier kommt das Kosovo ins Spiel. Zehntausende Albaner haben in den vergangenen Wochen ihre Heimat verlassen, um nach Deutschland zu gehen beziehungsweise zu fliehen. Nicht vor Krieg und Terror, denn geschossen wird auf dem Amselfeld schon seit Jahren kaum noch. Die Kosovaren tun, was wir in ihrer Lage alle täten: Sie versuchen, ein hartes Schicksal abzustreifen. Sie gehen nicht, weil sie arm sind, sondern weil sie damit rechnen müssen, arm zu bleiben. Verglichen mit dem Kosovo, ist Griechenland steinreich.

          Es sind Albaner, die in Griechenland zur Erntezeit auf den Feldern und bei der Weinlese schuften. Viele junge Griechen haben das – Krise hin, Krise her – nicht nötig. Im Kosovo lebt die jüngste Bevölkerung Europas, und die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 70 Prozent. Zwar haben auch kosovarische Frauen immer weniger Kinder, aber der Geburtenrückgang geht von einem so hohen Niveau aus. Die Familie hat einen derart zentralen Wert in den Lebensentwürfen der meisten Kosovo-Albaner, dass die Bevölkerung dieses balkanischen Kleinstaates mit seinen etwa zwei Millionen Einwohnern noch auf Jahre hinaus wachsen wird.

          Die Wirtschaftsflüchtlinge sind kein Risiko

          Für Deutschland kann das ein Geschenk sein – wenn wir die richtigen Entscheidungen treffen. Auch wenn es klingt wie aus dem Phrasenarsenal des Gutmenschentums: Die Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Kosovo sind kein Risiko, sondern eine Chance für uns. Sie wollen zwar in unser Sozialsystem einwandern: aber als Krankenschwestern, Altenpfleger, Notarztwagenfahrer. Die Mehrheit der Kosovo-Albaner, die jetzt zu uns kommen (Roma leider partiell ausgenommen), streben mit dem machtvollem Ehrgeiz von Underdogs nach gesellschaftlichem Aufstieg. Sie wollen ihre Familie ernähren und anständig leben. Nicht mehr, nicht weniger.

          Nun sind die meisten Kosovaren, etwa 90 Prozent, formal Muslime. Bei vielen Deutschen gibt es - verständlicherweise, wie man im Lichte nicht erst der jüngsten Entwicklungen sagen muss - Vorbehalte gegen die Zuwanderung von Menschen aus dem islamischen Kulturkreis. Natürlich leben auch im Kosovo Fanatiker, und auch aus diesem Land sind verblendete junge Männer in den Terrorkrieg nach Syrien gezogen.

          Wir haben mehr zu bieten

          Aber das sind Ausnahmen. Es gibt keinen Staat mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit, in dem der Islam eine derart nebensächliche Rolle spielt wie im Kosovo. Mitten in der Hauptstadt Prishtina wurde vor wenigen Jahren eine katholische Kathedrale eröffnet. Kein maßgeblicher Politiker im Kosovo käme auch nur auf den Gedanken, die Einführung der Scharia oder ähnlichen Irrsinn zu fordern. Wer das täte, hätte bei Wahlen keine Chance. Doch auch junge Kosovo-Albaner werden im Netz und offline von Terrorbanden wie dem „Islamischen Staat“ oder radikalen Imamen umworben. Deshalb sollten auch wir um sie werben. Dann werden die Islamisten mit ihren steinzeitlichen Lifestyle-Angeboten keine Chance haben, denn wir haben eindeutig mehr zu bieten.

          Allerdings müssen wir dafür etwas investieren. Das Arbeitsministerium warnte unlängst, die Anwerbung ausländischer Fachkräfte scheitere oft an der Sprachbarriere. Abhilfe ließe sich leicht schaffen durch die Gründung von mehr deutschsprachigen Schulen in Osteuropa. Das ist nicht Philanthropie, sondern Wirtschaftsförderung. Man kann es nicht oft genug sagen: Jeder in deutsche Auslandsschulen investierte Euro kommt doppelt und dreifach zurück. Die Schulen könnten viel mehr Schüler haben, wenn sie aus dem Bundeshaushalt mehr Mittel bekämen. Und warum nicht außerdem von der Industrie? Die deutsche Schule in Belgrad zum Beispiel könnte leicht die doppelte Anzahl an Schülern aufnehmen, wäre sie nicht längst an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen.

          Hochbegabte Schüler abgelehnt

          Leider müssen deutsche Auslandsschulen oft sogar hochbegabte Kinder ablehnen, weil die Eltern dieser klugen kleinen Köpfe das Schulgeld nicht aufbringen können. Wie wäre es, wenn die deutsche Wirtschaft und die Bundesrepublik einen Stipendien-Fonds gründeten, damit diese Leistungsträger von morgen an deutschsprachigen Auslandsschulen Abitur machen können? Wir stehen mit Briten, Amerikanern und Franzosen in einem Wettbewerb um die besten Köpfe, in dem Deutschland sich mit relativ wenig Aufwand große Vorteile verschaffen könnte.

          Das Geld kommt dreifach zurück

          In der kosovarischen Stadt Prizren, wo seit 1999 ein Kontingent der Bundeswehr stationiert ist, gibt es eine Elite-Schule, die als Exzellenz-Initiative unter den deutschen Auslandsschulen entstanden ist. Bei einem Wettbewerb deutscher Auslandsschulen errang sie unlängst den zweiten Platz, ihre Schüler wurden im Januar vom Auswärtigen Amt nach Berlin eingeladen. Die Schule ist nach Ignatius von Loyola benannt, dem Gründer des Jesuiten-Ordens, was in anderen muslimischen Ländern unvorstellbar wäre. An der Loyola-Schule in Prizren werden 700 Schüler in deutscher und albanischer Sprache auf das Leben vorbereitet.

          Die Schule ist ein Beispiel dafür, was wir mit unserer Kulturaußenpolitik erreichen können. Man brauchte eigentlich ein halbes Dutzend deutschsprachiger Schulen im Kosovo: zwei in Prishtina, eine im ethnisch geteilten Mitrovica für albanische und serbische Kinder, eine in Peja. Nicht zu vergessen ist dabei ein politischer Aspekt: Die Albaner sind ein kleines Volk, hinter ihnen steht kein Erdogan, der in Deutschland Sporthallen füllt und versucht, die Massen gegen unsere Demokratie und die Idee der Integration aufzuwiegeln.

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