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Kommentar : Grüne Spaßkultur und die Volten des Friedrich Merz

Kann Friedrich Merz eine Volte schlagen? Bild: EPA

CDU und SPD arbeiten ihre Traumata auf. Die Grünen können solange den Ernst des Lebens vergessen – aber Friedrich Merz muss die eine oder andere Volte schlagen.

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          Sehr schnell haben sich die drei Kandidaten für den CDU-Parteivorsitz aufeinander eingestellt. Die größte Volte musste dafür bislang Friedrich Merz schlagen: Von einer europäischen Arbeitslosenversicherung, die er vor Wochen noch Seite an Seite mit Jürgen Habermas unterstützte, will er nun nichts mehr wissen. Dazu mag beigetragen haben, dass der CDU im Bundestag hinter verschlossenen Türen die seltene Eintracht zwischen Merz und Olaf Scholz in dieser Sache vorgehalten wurde. Worauf es von CDU-Seite hieß: „Deshalb wird er auch nicht Vorsitzender werden!“ Am Wochenende kam nun die zweite Überraschung: Merz hält die Grünen nicht nur für bürgerlich, sondern für „sehr bürgerlich“ und für überaus „partnerfähig“ – so freundlich kommt das nicht einmal Angela Merkel oder Annegret Kramp-Karrenbauer über die Lippen.

          Der Augenblick, auf die Grünen zuzugehen, hätte allerdings günstiger gewählt werden können. In Leipzig setzten sie ihre politische Spaßkultur fort und wehrten sich nach Kräften gegen den Ernst des Lebens. Der Satz „Nicht alle, die kommen, können bleiben“, der sich in die asylpolitischen Passagen des Programms für die Europawahl eingeschlichen hatte, musste versteckt werden, um die heile Welt nicht zu stören, in der die Grünen unterwegs sind. Nicht nur Merz denkt wohl an Winfried Kretschmann, wenn er sie dennoch für vernünftig hält. Wie der Ministerpräsident jetzt freimütig über „Männerhorden“ herzog, war nicht nur dazu angetan, den Parteitag zu ärgern, sondern auch, zu zeigen, dass es zwischen Grünenseele und Realitätssinn immer noch einen himmelweiten Unterschied gibt.

          Kramp-Karrenbauer, Merz und Jens Spahn gleichen sich aber nicht nur aus strategischem Blick für Mehrheiten aneinander an. Ihr Treffpunkt in der Mitte ist notgedrungener Teil der Wiederbelebung einer „Union“, die wie die SPD ihre zündende „Ursprungsidee“ (Sigmar Gabriel) sucht. Die SPD hat sich dafür am Wochenende noch weiter von ihrem Trauma, der Agenda 2010, entfernt, aber nicht in Form von Distanz, sondern des Etiketts. Indem es kein „Hartz IV“ mehr gibt, soll endlich Gras über die Schröder-Reformen wachsen. Die SPD ist dazu gezwungen, weil sie ihre Kompetenz im zentralen Feld ihrer Existenzberechtigung viel zu lange selbst in Frage gestellt hat. Für eine Volkspartei ist das tödlich. Auch im Wettstreit um die Merkel-Nachfolge geht es um nichts anderes: ob die Union noch eine Union ist.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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