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Kommentar : Gemüt gegen Verstand

Als er noch Parlamentspräsident in Brüssel war: Angela Merkel mit Martin Schulz Bild: AFP

Keine Experimente – die Union und ihre Kandidatin Angela Merkel könnten mit einem alten Adenauer-Slogan in den Wahlkampf ziehen. Martin Schulz aber hat Gaben, die der Kanzlerin fehlen.

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          So prunkvoll wie am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles ging es am Montag in München nicht zu. Doch sollte einmal ein Hofmaler die Proklamation Angela Merkels zur abermaligen Kanzlerkandidatin von CDU und CSU auf eine Leinwand bannen, dann würde es in der Staatskanzlei bestimmt gern gesehen, wenn Seehofer darauf wie Bismarck in einer weißen Uniform erschiene.

          Die Dialektik der CSU erforderte es zwingend, dass der bayerische Ministerpräsident bei dieser Kür das letzte Wort hatte – schließlich kritisierte niemand in der Union Merkel wegen ihrer Flüchtlingspolitik so hart wie er. Die bevorstehende Bundestagswahl aber zwang Seehofer dazu, das Kriegsbeil wenigstens vorübergehend zu begraben. Der Geschwisterstreit über die Obergrenze wird vertagt, bis der gemeinsame Gegner geschlagen ist, der plötzlich und unerwartet kräftig am Zaun des Kanzleramts rüttelt. Es ist nicht ausgemacht, dass der Höhenflug des Kometen Schulz bis zum Herbst anhält; die SPD fand noch immer Wege, ihre Kandidaten auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Doch wer wollte darauf wetten, dass allein in der SPD alles so bleibt wie bisher? Seit Merkel schlagbar erscheint, zieht ein Hauch von Wechselstimmung durchs Land. Der Mann ohne Abitur – dieser groteske Vorwurf scheint Schulz mehr genutzt als geschadet zu haben – verfügt über Gaben, die der Amtsinhaberin fehlen. Er zielt aufs Gemüt, nicht auf den Verstand. Das muss in diesen hoch emotionalisierten Zeiten nicht der schlechteste Plan sein.

          Die Union dagegen könnte einen Adenauer-Slogan von 1957 plakatieren: Keine Experimente! Merkel und ihr Lager setzen darauf, dass die Deutschen in einer Welt im Umbruch wenigstens zu Hause Ruhe und Stabilität haben wollen. Falls die SPD die Union nicht noch überflügelt, könnte Schulz nur an der Spitze eines Linksbündnisses Kanzler werden. Jene, die Merkel wegen der Linksverschiebung der CDU, ihrer Flüchtlingspolitik und ihrer europapolitischen Linie zum Teufel wünschen, kämen damit vom Regen in die Traufe. Merkel beging in der Flüchtlingskrise Fehler, die gravierende Folgen für Deutschland und die EU hatten. Ihre Macht litt darunter. Doch ist die Kanzlerin die letzte starke Figur in der EU, die sich gegen den Zerfall stemmen will. Führung und Einigkeit tun in jedem Fall not. Zwischen Trump und Putin wird es für alle Europäer ungemütlich werden.

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