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Deutsche Putin-Versteher : Gegen den Westen

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Will die Annexion der Krim anerkennen: Matthias Platzeck (SPD), Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums und ehemaliger Ministerpräsident von Brandenburg Bild: dpa

Das Putin-Verständnis der Ostdeutschen ist in Wirklichkeit nur eine Möglichkeit, dem latenten Misstrauen dem Westen gegenüber Ausdruck zu verleihen.

          Ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer sind die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland noch immer erstaunlich groß. Sie lassen sich an Stellen ausmachen, die man im Rausch der Maueröffnung vor 25 Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Im Verhältnis zu Russland beispielsweise: Der Osten Deutschlands zeigt derzeit mehr Verständnis für den russischen Präsidenten Putin als der Westen. Man muss da gar nicht auf Äußerungen des früheren brandenburgischen Ministerpräsidenten und SPD-Vorsitzenden Platzeck verweisen oder auf die des letzten und frei gewählten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière. Putin ist auch auf der Straße Gesprächsthema, im Familienkreis und, wo es das noch gibt, am Stammtisch. Fast könnte man glauben, der „arme Putin“ sei, vom Westen bedrängt, in den Augen des Ostens eine Art Held geworden. So einer wie vor einem Vierteljahrhundert Gorbatschow. Es ist eine Art Grundkonsens im Osten, für Putin und für Russland Sympathie aufzubringen.

          Auf den ersten Blick wirkt das merkwürdig. Zum einen sind die Erfahrungen der Ostdeutschen mit der Sowjetunion und mit Russland unter dem Strich deutlich negativ - vom Kriegsende mit seinen Schrecken über die Besatzungsjahre bis hin zu den Hinterlassenschaften der russischen Armee. Zum anderen: Wie viele Deutsche, ob in Ost oder West, kennen sich in dem Konflikt zwischen Russland und der Ukraine wirklich aus? Wer weiß schon, wie es den Menschen in der Ukraine geht und welche wechselvolle Geschichte die heutigen Zustände heraufbeschwor? Wer weiß um die Krim, ist je dort gewesen? Wer aus dem heutigen Osten Deutschlands würde noch nach Russland reisen wie zu DDR-Zeiten, als man wenigstens Moskau, Leningrad und die Wolga gesehen haben wollte, wenn doch Paris, London und der Rhein unerreichbar waren?

          Aber so merkwürdig ist es dann doch wieder nicht. Denn es gibt keine echte prorussische Stimmung in Ostdeutschland, auch wenn Putin als Bedrängter gesehen wird, der gezwungen sei, sich zu verteidigen. Es geht auch nur vordergründig um Putin und Russland. Und es geht schon gar nicht um Wirtschaftsinteressen, wie Platzeck und de Maizière behaupten. Von Putin und Russland wird zwar geredet, gemeint jedoch ist der Westen. Russland bietet eine willkommene Möglichkeit, dem latenten Misstrauen gegenüber dem Westen Ausdruck zu geben. Im Fall Russland heißt das: Die Nato, das westliche Militärbündnis, trage die Schuld, weil sie sich nach Osten ausgedehnt habe. Putin habe darauf reagieren müssen, um sein Gesicht zu wahren. Und dann werde auch die Ukraine von der Nato gleich verraten.

          Im Kern steckt dahinter der alte Vorwurf, der Westen zeige nach außen seine glanzvoll-bunten Schaufenster, sei aber im Inneren eine verkommene und verlogene Gesellschaft, in der, um nur eine der Phrasen zu zitieren, die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer würden. Eben genau so, wie es die Marxisten schon immer gesagt hatten. Das, was die westliche Gesellschaft tatsächlich ausmacht, Freiheit, Demokratie, Pluralismus, Marktwirtschaft, wird als bedrohlich oder wenigstens sehr anstrengend angesehen. Die Werte des Westens werden vor allem von jenen in Frage gestellt, die nicht mit ihnen aufgewachsen sind. Bei der Freiheit etwa hat sich für die Ostdeutschen auch schnell gezeigt, dass sie zwar eine so schöne Seite wie Reisefreiheit bietet, aber eben auch Selbstverantwortung verlangt. Und erst die Demokratie mit ihrem zeitaufwendigen Ausgleich verschiedener Interessen! Dann der Pluralismus mit seinen Zumutungen. Und schließlich: Wer es mit der Marktwirtschaft ernst meint, sieht sich rasch als Neoliberaler verunglimpft. Das ist ein gerade von der Linkspartei gern benutzter Kampfbegriff, der seinem eigentlichen Inhalt völlig entkleidet ist.

          Es sind die alten Vorbehalte gegen eine Gesellschaft, die den Menschen nimmt, wie er ist; gegen eine Gesellschaft, in welcher der Streit der Meinungen leicht verdecken kann, wie erfolgreich sie Frieden und Wohlstand sichert. Gerhard Schröder, der populärste Putin-Versteher, kam mit seiner Basta-Politik im Osten gut an. Ein Basta ist dem Osten näher als langwierige Debatten, an deren Ende womöglich sogar ein Scheitern steht. Putin, der auf die Spaltung des Westens hinarbeitende ehemalige KGB-Agent in Dresden, weiß das ganz genau.

          Nach 1990 schien der Westen mit seinen Grundsätzen und seinem Lebensstil endgültig den Sieg errungen zu haben über die Verirrungen von Sozialismus und Kommunismus. So siegesgewiss kann der Westen heute nicht mehr sein. Nicht nur Russland fordert derzeit den Westen heraus. Seine Errungenschaften gelten als selbstverständlich und werden, wenn es ernst wird, schnell vergessen. Verachtung für die „westliche“ Lebensweise ist immer wieder anzutreffen. Das Gegenmodell aber, die zum Diktatorischen neigende Menschenbeglückung, scheint nicht an Anziehungskraft zu verlieren. Doch entlarvt es sich selbst damit, dass es sich gegenwärtig ausgerechnet mit einer Putin-Maske schmückt.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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