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Kommentar : Elternwohl und Kindeswohl

  • -Aktualisiert am

Was bedeutet die Fremdbetreuung? Bild: dpa

Die demographische Situation hat die Familienpolitik in Geburtenpolitik verwandelt. Es besteht die Gefahr, dass Kinder nur noch als künftige Rentenbeitragszahler, Arbeitskräfte und Konsumenten gesehen werden. Und Eltern sie schnell in die Krippe abschieben.

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          Schon Gerhard Schröder hat einsehen müssen, dass Familienpolitik mehr ist als „Gedöns“. Sie hat sich angesichts der demographischen Lage in Geburten- und damit in Wachstumspolitik verwandelt. Das hebt zwar ihre Bedeutung, birgt aber die Gefahr, Kinder nur noch als künftige Rentenbeitragszahler, Arbeitskräfte und Konsumenten zu betrachten und dabei ihr Wohlergehen aus dem Blick zu verlieren.

          Die heutige Geburtenrate von 1,3 Kindern pro Frau lastet schwer auf den umlagefinanzierten Sozialsystemen. Mehr als zwei Kinder pro Frau wären notwendig, um die Bevölkerungszahl zu halten. Vom Elterngeld, das die große Koalition zum Jahreswechsel eingeführt hat, verspricht sich Familienministerin von der Leyen einen deutlichen Anstieg der Geburtenrate auf 1,7 Kinder pro Frau - die derzeitige Zielmarke der Bevölkerungspolitiker. Es soll mit etwa vier Milliarden Euro im Jahr etwa eine Milliarde mehr kosten als das bisherige Erziehungsgeld, das keinen messbaren Einfluss auf die Geburtenrate hatte.

          Familienpolitik mehr an Zeugungsrate interessiert

          Ob das Elterngeld den gewünschten Effekt haben wird, soll die Begleitforschung zeigen, die erstmals eine familienpolitische Maßnahme von Anfang an auf ihre Wirksamkeit hin untersucht. Das ist vernünftig, denn über die Zweckmäßigkeit der bisherigen Zahlungen an Familien weiß man so gut wie nichts. Das relativ hohe Kindergeld - im europäischen Vergleich zahlt nur Luxemburg mehr - steht im eklatanten Gegensatz zu einer der niedrigsten Geburtenraten.

          Auf jeden Fall wird das neue Elterngeld dazu führen, dass mehr Kinder als bisher vom ersten Geburtstag an in Krabbelstuben, Krippen und bei Tagesmüttern betreut werden. Der Staat zahlt einen Lohnersatz (zwölf oder 14 Monate lang 67 Prozent vom Nettolohn des daheimbleibenden Elternteils bis zu einer Höchstsumme von 1800 Euro monatlich), der dazu motiviert, die vorherige Tätigkeit schnell wiederaufzunehmen - denn danach gibt es nur noch das Kindergeld. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass es vor allem die Angst vor Einkommensverlusten ist, die durchschnittlich und besser Verdienende (die Hauptzielgruppe des Elterngeldes) auf Kinder verzichten lässt. Was die frühe Fremdbetreuung für die Kinder bedeutet, ist hingegen nicht Gegenstand der Begleitforschung. Das zeigt, dass sich die derzeitige Familienpolitik mehr für die Zeugungsrate als für die bereits geborenen Kinder interessiert.

          Nur abends und am Wochenende?

          Viel zu wenig wird danach gefragt, wie es sich für kleine Kinder anfühlt, den ganzen Arbeitstag der Eltern lang außer Haus zu verbringen. Welche Auswirkungen hat das auf die Entwicklung von Bindungsfähigkeit, Intelligenz und Phantasie? Was bedeutet es für Eltern und Kinder wie auch für Geschwister untereinander, wenn sie sich nur abends und am Wochenende sehen?

          Dass es in anderen Ländern selbstverständlich ist, Kleinkinder fremdbetreuen zu lassen, ist kein Grund, unhinterfragt das Gleiche zu tun. Eltern, die für ihr Kleinkind eine Betreuung suchen, überlegen lange, welche Lösung die richtige ist, denn es gibt nur „gefühlte“ Qualitätskriterien. Unter Fachleuten herrscht die Auffassung vor, dass die frühe Fremdbetreuung Kindern aus bildungsnahen Familien nicht schade, weil deren Eltern auch in der kurzen verbleibenden Zeit in der Lage seien, eine stabile Beziehung zu ihrem Kind aufrechtzuerhalten. Kinder aus bildungsfernen Familien profitierten von der Betreuung, weil sie dort Anregungen erhielten, die zu Hause fehlten.

          In die Krippe einklagen?

          Das Tagesbetreuungsausbaugesetz vom Januar 2005 war eine Vorarbeit zum Elterngeld: Es verpflichtet die Kommunen, bis zum Jahr 2010 die Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren „bedarfsgerecht“ auszubauen. Bisher gibt es solche Plätze in Westdeutschland für drei Prozent der Kinder; in Ostdeutschland für 37 Prozent. Als bedarfsgerecht gilt eine Quote zwischen zwanzig und vierzig Prozent. Für den Fall, dass die westdeutschen Städte und Gemeinden dieses Ziel nicht erreichen, droht der Gesetzgeber mit der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Krippenplatz für alle Ein- und Zweijährigen.

          Zu wenig bedacht wurde allerdings, dass hochwertige Betreuungseinrichtungen nicht dadurch entstehen, dass man Kommunen dazu zwingt, sie einzurichten. Die besten Krabbelstuben entstehen aus Elterninitiativen, die selbst Erzieherinnen einstellen, Räume mieten und das Programm bestimmen. Solche „Privat-Kitas“ zu fördern wäre sinnvoller, als Bürgermeister zu einem lieblosen Pflichtprogramm zu verdonnern. Private Krabbelstuben sind meistens teurer als städtische. Doch für die selbstverwalteten Einrichtungen sind Eltern bereit, einen höheren Preis zu bezahlen und sich über das übliche Maß hinaus ehrenamtlich zu engagieren.

          Berufstätige Mütter werden gefördert

          Die Familienpolitik der großen Koalition fördert Mütter, die Beruf und Familie vom ersten Geburtstag des Kindes an verbinden wollen. Das ist richtig, denn die Angst vor Arbeitsplatzverlust und lebenslanger Abhängigkeit von einem „Ernährer“ ist ein wichtiger Grund, sich gegen Kinder zu entscheiden. Daraus darf sich jedoch keine neue, politisch erwünschte weibliche Standardbiographie ergeben, die jedem Kind nur noch ein Jahr Zeit mit der Mutter lässt.

          Die jungen Frauen, die eine Mischung aus Familie und Beruf für ideal halten, sind längst in der Mehrheit. Doch erst eine hochwertige Kinderbetreuung gibt ihnen eine echte Wahlmöglichkeit. Deshalb ist die Qualität der Betreuung für Ein- bis Dreijährige wenigstens so wichtig wie die Zahl der Plätze. Einiges von den Milliarden, die das Elterngeld kostet, wäre auch in den Ausbau hochwertiger Kleinkindbetreuung und in die Fortbildung von Erzieherinnen für die neue Altersgruppe gut investiert gewesen.

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