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Gymnasium : Eine schulpolitische Rückwärtsrolle

  • -Aktualisiert am

Oberstufenschüler demonstrierten 2013 vor dem Düsseldorfer Landtag gegen das Abitur nach acht Jahren (G8). Bild: dpa

Die Einführung des G8-Abiturs war bei Schülern, Eltern und Lehrern umstritten. Doch Bildungspolitiker setzten die Reform durch – und wollen sie jetzt wieder rückgängig machen.

          Keine Schulreform war so überflüssig wie die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre. Das damals schon fadenscheinige Argument, die deutschen Absolventen seien zu alt, wirkt im Rückblick lächerlicher denn je. Die Absolventen sind nicht jünger geworden, allenfalls unreifer und schlechter auf das Studium vorbereitet. Alle Studien, die dem achtjährigen Gymnasium die gleiche Leistungsfähigkeit bescheinigen wie dem neunjährigen, drücken sich um die eigentlich interessanten Probleme. Sie fragen nicht danach, wie es mit der Universitätstauglichkeit der Abiturienten steht, sie fragen auch nicht nach der Fähigkeit, selbständig zu denken, oder nach der Entwicklung von eigenen Interessen, sondern messen abfragbares Wissen.

          Da Bildungspolitiker es offenbar aufgegeben haben, ihre Entscheidungen für Eltern und Öffentlichkeit nachvollziehbar zu begründen, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als dem Wahlvolk hinterherzulaufen und um seine Gunst zu buhlen. Niedersachsen kehrte als erstes Bundesland zum neunjährigen Gymnasium (G9) zurück und überließ es den Schulen, wie sie den Rückwärtsgang einlegten.

          Mehr Abiturienten, weniger Studierfähigkeit?

          In Bayern hat man sich mit der „Mittelstufe plus“ in die Tasche gelogen, die bei Eltern und Schülern großen Anklang fand, und in Nordrhein-Westfalen hat eine Elterninitiative zur Wiedereinführung des G9 die grüne Bildungsministerin dazu gezwungen, ihren damaligen, aus Alibigründen einberufenen runden Tisch wieder einzuladen. Was ist geschehen? Sind Eltern und Schüler weinerlicher geworden und weniger belastbar, oder haben sie nur begriffen, dass es nicht auf Schnelligkeit und Wirtschaftstauglichkeit ankommt, sondern dass Lern- und Entwicklungsprozesse Zeit brauchen?

          Zum einen ist der Anteil eines Altersjahrgangs, der das Gymnasium besucht, erheblich gestiegen. In manchen Universitätsstädten sind es bis zu 70 Prozent und mehr. Das sind schon fast französische Verhältnisse, wo inzwischen mehr als 80 Prozent das Abitur machen, das sie jedoch je nach Ausrichtung sogleich dem Altpapier anvertrauen können, weil es manches bescheinigt, viel zu oft aber nicht die angestrebte Studierfähigkeit. Der Trend zu immer höheren Bildungsabschlüssen ist auch hierzulande zu beobachten. Die meisten Eltern möchten, dass ihr Kind das Abitur macht, ganz gleich, ob es sich wirklich für das Gymnasium eignet oder nicht. Der Anteil der Schüler, die das achtjährige Gymnasium mühelos bewältigen, lag schon bei den ersten Schulversuchen bei etwa einem Viertel. Das entspricht der Übertrittsquote aufs Gymnasium vor einigen Jahrzehnten, aber nicht mehr dem gegenwärtigen Zustrom.

          Zurück zum Abitur nach neun Jahren: Niedersachsen führte als erstes Bundesland wieder das G9 ein.

          Dass das achtjährige Gymnasium in den ostdeutschen Bundesländern so geräuschlos funktioniert, rührt von den vergleichsweise scharfen Selektionskriterien beim Übergang aus der Grundschule her. Das gilt für Sachsen, das in den Leistungsvergleichen Spitzenplätze einnimmt und nach strengeren Regeln auswählt als Bayern.

          Mehr Qualität statt „Gymnasium light“

          In fast allen Ländern gibt es inzwischen Pilotschulen, die das Abitur wieder nach neun Jahren ablegen. Bayern will vom Schuljahr 2018/19 an die Gymnasien selbst entscheiden lassen, ob sie das Abitur nach acht oder neun Jahren anbieten wollen. Realistischerweise kommt das aber nur für Schulen in Frage, die in der Unterstufe mindestens fünfzügig, in der Mittelstufe vierzügig geführt werden, also in den Innenstädten. Der Schülerrückgang in den ländlichen Gebieten lässt eine echte Wahl gar nicht zu. Erfahrene Schulleiter sehen den Wahlzwang auf sich zukommen und wissen, dass sie es ohnehin nicht allen Eltern recht machen können.

          Nordrhein-Westfalens Bildungsministerin Sylvia Löhrmann (Grüne), einst Gegnerin des G8, will angesichts der Landtagswahl im kommenden Jahr eine flexible Schulzeit. Sie äußert sich bisher wenig konkret, ist jedoch durch die klare Entscheidung der Landeselternschaft für ein neunjähriges Gymnasium und die Sympathie des sozialdemokratischen Koalitionspartners für das G9 unter Druck geraten. Ihr Vorschlag eines Orientierungsjahres in der 10. Klasse erscheint als durchsichtiger Versuch, den Gesamtschülern den Anschluss an die gymnasiale Oberstufe zu erleichtern. Die Schulen, die sich inzwischen an das G8 gewöhnt haben und am liebsten von den ständigen Reformen wankelmütiger Politiker verschont blieben, werden die Rückkehr nicht begeistert, aber pragmatisch angehen. Denn ihnen brennen auch andere Fragen auf den Nägeln. Unüberlegt wie in Niedersachsen sollte sie sich nicht vollziehen.

          Denn die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium darf nicht dazu führen, einfach nur den Stoff des achtjährigen zu strecken und ein „Gymnasium light“ zu etablieren. Vielmehr geht es darum, die Gelegenheit für eine echte Qualitätssteigerung der Oberstufe zu nutzen. So sollte auch die bisher übliche Jahreswochenstundenzahl von 265 Stunden auf 280 Stunden mit echtem Unterricht angehoben werden. Die gewählten Leistungsfächer könnten dann endlich wieder fünf- oder sechsstündig unterrichtet werden. Das käme einer tatsächlichen Vertiefung entgegen, die Gymnasiasten brauchten, um auf ein Studium vorbereitet zu sein und sich für ein passendes Studienfach zu entscheiden.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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