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Das G36 wird ausgemustert : Die Streuung nimmt zu

Übung in klimatisch unbedenklichem Gelände: Bundeswehrsoldat mit G36 A2-Sturmgewehr in Letzlingen Bild: AFP

Was ist schon die Zukunft eines umstrittenen Sturmgewehrs gegen die Zukunft einer aufstrebenden Ministerin? Aber auch die Opposition spielt lieber das übliche Spiel, als sich mit den wirklich wichtigen Fragen zu befassen.

          Die Debatte über das Sturmgewehr G36 passt sich ihrem Gegenstand an: Bei Dauerfeuer und Erhitzung nimmt die Streuung zu. An der Verteidigungsministerin fliegen die Kugeln noch vorbei. Die Geschosse der Opposition schlagen vor allem bei ihrem Vorgänger ein. Damit das so bleibt, beschloss Ursula von der Leyen nun, dass das G36 ausgemustert wird. Was ist auch die Zukunft eines Gewehrs, verglichen mit der Zukunft einer immer noch aufstrebenden Ministerin?

          Es steht außer Frage, dass eine Einsatzarmee, zu der die Bundeswehr nach der Wiedervereinigung wurde, nur mit der denkbar besten Bewaffnung in den Einsatz geschickt werden sollte. Vor zwanzig Jahren, als das G36 in der Truppe eingeführt wurde, hat sich freilich noch keine(r) so recht vorstellen können und schon gar nicht wollen, dass deutsche Soldaten einmal ausgedehnte Feuergefechte in den Wüsten Afghanistans führen müssten. Dass der Westen seine Kriegsziele am Hindukusch nicht erreichte, liegt freilich nicht an der Streuung des deutschen Sturmgewehrs, an dem zum Beispiel die ebenfalls unter verschärften militärischen und klimatischen Bedingungen kämpfenden Peschmerga nichts auszusetzen haben.

          Man erinnere sich: Die deutsche Politik bestritt lange, dass es in Afghanistan überhaupt einen Krieg gibt. Selbst als das gar nicht mehr zu leugnen war, wurden daraus nur äußerst widerwillig die Konsequenzen gezogen. Die Bitten der kämpfenden Truppe, auch schwere Waffen wie die Panzerhaubitze 2000 einsetzen zu dürfen – an deren Präzision, Feuerkraft und militärischer Wirksamkeit keine Zweifel bestanden und bestehen – fanden in Berlin erst spät Gehör. Vor diesem Hintergrund ist es umso erstaunlicher, mit welcher Selbstverständlichkeit fast alle an dieser Diskussion Beteiligten, selbst die dem Pazifismus zuneigenden, verlangen, dass die Standardwaffe der Bundeswehr wüstenkriegstauglich sein muss. Sollten wir tatsächlich schon vor der Aufstellung eines neuen Afrikakorps stehen?

          Die „Zukunft“ jeder Waffe hängt von dem Zweck ab, den sie erfüllen soll. Es wäre wichtiger, über die sich ändernden Einsatzszenarien und die Folgen für die Ausrüstung nachzudenken, als das übliche Wer-wusste-was-wann zu spielen. Das ist die Lehre, die aus dem Fall G36 gezogen werden müsste. Doch wer quält sich in Berlin schon gerne mit strategischen Fragen herum, wenn doch die Freuden eines Untersuchungsausschusses winken?

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