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Kommentar : Deutsches Jahrhundert?

Sommermärchen in Berlin: Die Leistung der Fußballnationalmannschaft scheint einen gesamtgesellschaftlichen Erfolg Deutschlands zu bestätigen. Bild: dpa

Nach dem souverän-sympathischen Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft ist wieder einmal ein deutsches Jahrhundert ausgerufen worden. Und tatsächlich steht Deutschland in vielerlei Hinsicht vorbildlich da. Doch die Risiken sind offenkundig.

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          „Das deutsche Jahrhundert“ nannte der Historiker Eberhard Jäckel sein Buch, das im Jahre 1996 erschien. Der Autor blickte zurück und kam zu dem Schluss, dass kein anderes Land Europa und der Welt seinen Stempel so stark aufgedrückt habe wie Deutschland. Selbst der Aufstieg der Vereinigten Staaten zur Weltmacht sei doch nur durch Deutschland hervorgerufen worden.

          Soeben wurde von der amerikanischen Zeitschrift „Newsweek“ wieder ein deutsches Jahrhundert ausgerufen. Dabei ist das Jahrhundert noch recht jung. Gemeint sind aber nicht die heute gelegentlich beobachteten Parallelen zu 1914 und dem, was darauf folgte, sondern der Erfolg des Landes (was wiederum an 1914 erinnert), gekrönt vom souverän-sympathischen Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Die sportliche Leistung bestätigt offenbar einen gesamtgesellschaftlichen Erfolg, der sich in Wirtschaftsdaten niederschlägt und den auswärtige Beobachter auch an persönlichen Erfahrungen dingfest machen.

          In vielerlei Hinsicht steht Deutschland heute vorbildlich da: Es ist das mit Abstand stärkste Land Europas, mit vergleichsweise geringer Arbeitslosigkeit und einem starken Mittelstand; es ist der Anker der Eurozone. Die meisten Deutschen erfreuen sich eines beachtlichen Wohlstands. Zwar mag die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergehen. Aber die hohen Sozialleistungen schaffen inneren Frieden. Der Föderalismus funktioniert und sorgt dafür, dass das Geld auch regional vergleichsweise vernünftig verteilt ist. Aus Wettbewerbsgründen kann man über den Finanzausgleich den Kopf schütteln; zudem ist die Forderung des Grundgesetzes nach gleichwertigen Lebensverhältnissen eine Ursache von Spannungen – sie dämpft aber Konflikte dieses aus alten und stolzen Ländern und Regionen bestehenden Staates. Im Ergebnis ist es deshalb nicht nur in der „coolen“ Hauptstadt (mit ihren vielen Harz-IV-Empfängern) lebenswert, sondern an sehr vielen Orten im Lande.

          Die Bürokratie ist eine deutsche Stärke - und eine Schwäche

          Das alles wird getragen von einer soliden Infrastruktur, in physischer wie in rechtlicher Hinsicht. Die Bürger können grundsätzlich darauf vertrauen, dass Pfeiler halten, Maschinen funktionieren, der Krankenwagen schnell kommt und ein wirksamer Rechtsschutz zur Verfügung steht. Das geht zweifellos mit Bürokratie einher; sie ist eine deutsche Stärke wie eine deutsche Schwäche. Obwohl eher das Verwalten als das strategische Gestalten als deutsche Eigenschaft gilt, also das Merkelsche Auf-Sicht-Fahren, so zeigte es in zwei radikalen Kehrtwenden Größe: Der Atomausstieg wurde von einer auf die andere Sekunde beschlossen, und abrupt wurde die Wehrpflicht abgeschafft. Zwar war beides politisch fragwürdig, rechtlich zweifelhaft und, jedenfalls zunächst, teuer. Aber international scheint sich dieser Eindruck zu verfestigen: Wenn überhaupt jemand, dann schaffen das nur die Deutschen.

          Tatsächlich hängt die hiesige Lebensqualität auch mit dem deutschen Ökofimmel zusammen, mit einer in den Auswüchsen zu Recht belächelten, aber doch nachhaltigen Lebensweise – in einer Zeit, in der auch Länder mit hohem, aber rücksichtslosem Wachstum merken, dass es auf Dauer so nicht weitergehen kann. Auch das Ende der Wehrpflicht mitsamt den Nachwuchssorgen der Bundeswehr ist ein Zeichen knapper Kassen, es ist aber auch ein Symbol: Es herrscht Wohlstand für alle.

          Hier freilich lauern Risiken. Ein Teil des sozialen und des äußeren Friedens ist auf Pump finanziert. Wer wird in Zukunft die vielen Alten pflegen? Wer zahlt Renten und Pensionen? Was passiert, wenn der Sozialstaat nicht mehr zu bezahlen ist oder wenn diejenigen, die in prekären Arbeitsverhältnissen tätig sind, mit denen, die sich innerlich verabschiedet haben, radikale Parteien wählen sollten? Wie suchen wir die Einwanderer aus, die bleiben sollen? Schließlich: Wer nimmt noch die Waffe in die Hand, wenn Deutschland bedroht ist?

          Heute ist Deutschland auch deshalb so beliebt, weil es keine erkennbaren strategischen Ambitionen hat, weil es zwar stark ist, aber ein europäischer Hegemon nicht sein will. Weil es zwar zum Westen gehört, sich aber auch seine Stellung in Russland und seinen guten Ruf in der arabischen Welt nicht verderben und ein „ehrlicher Makler“ sein will. Immerhin: Deutschland gehört wie selbstverständlich zu denen, die sich um die Lösung großer Konflikte bemühen, obwohl es keine globale Interventionsmacht ist.

          Jäckel schrieb vor knapp zwanzig Jahren am Ende seines Buches, der Versuch einer Wiederherstellung des Russischen Reiches könne nicht ausgeschlossen werden; das wiederum könne zu neuen Konflikten im Osten führen, „die auch Deutschland nicht unberührt lassen mögen“. Wie wahr! Doch irrte er womöglich darin, dass das deutsche Jahrhundert schon zu Ende sei. Das fast Beschämende ist, dass ein Land als Vorbild erachtet wird, das dem vergangenen Jahrhundert auf so radikale Weise seinen Stempel aufgedrückt hat. Sogar die militärischen Metaphern sind aus der Sportberichterstattung unserer Nachbarn weithin verschwunden. Dieser Wandel ist kaum zu überschätzen. Der kann freilich nur dauerhaft zum Guten führen, wenn der Blick zurück nicht fehlt – auf die ganze Geschichte.

          Reinhard Müller
          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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