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Kommentar : Der ferne Sinn

Das eindrucksvolle Gedenken an die Opfer der Kriege gehört zur europäischen Politik. Schlicht „alternativlos“ ist nichts, wie die Geschichte zeigt.

          Der europäische Staatenverbund ruht auf den Gräbern zweier Weltkriege. Doch haben mittlerweile zahlreiche Politiker erkannt, dass dieser Gründungsmythos nicht mehr ausreicht, um heute wirksam für die praktische europäische Politik zu werben. Das darf aber keinen Abschied von Ritualen bedeuten, die Staaten wie auch andere Organisationen zur Selbstvergewisserung brauchen. Das eindrucksvolle Gedenken der Opfer der Kriege gehört dazu. Auch sie wollten (über)leben.

          Heute schickt in Europa niemand mehr Soldaten leichtfertig ins Gefecht; die Streitkräfte der Staaten, die sich so erbittert bekämpften, sind institutionell verbunden. Insbesondere in Deutschland, das nach der totalen Niederlage 1945 wieder zur zentralen Macht Europas aufstieg, herrschen eine tiefe Skepsis sowie Gleichgültigkeit gegenüber militärischen Einsätzen und den Phrasen, die sie rechtfertigen sollen. So stößt der schon zwölf Jahre währende Krieg auf dem alten Schlachtfeld Afghanistan auf Ablehnung, hat aber keineswegs die Massen zum Protest auf die Straßen getrieben.

          Die Erinnerung an die Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs fällt in eine Zeit, in der die Ausgestaltung der heutigen Europäischen Union zunehmend in Frage gestellt wird. Sosehr die Präsidenten Gauck und Hollande recht haben mit ihren Warnungen vor populistischen, nationalistischen, antieuropäischen Strömungen, so deutlich ist doch, dass auch weiterhin in der EU die Staaten um ihre Interessen ringen. Deshalb bleibt die Nation „Heimat“ und die Union ein „schwieriges Projekt“ (Gauck). Jede Vertiefung und Erweiterung muss vor den Völkern gut begründet werden. Schlicht „alternativlos“ ist nichts, wie gerade die europäische Geschichte zeigt. Eine lange Friedenszeit und internationale Verflechtungen gab es auch schon vor 1914.

          Das heutige Europa ist eine Versicherung gegen Verführung und Gewalt, die immer wieder erneuert werden muss. Dass Konflikte friedlich zu lösen sind, gemeinsame Werte, wie die Freiheit des Einzelnen und die Gleichheit vor dem Recht, aber auch verteidigt werden müssen, das ist eine zentrale Lehre aus jenem Hineinschlittern in das große europäische Schlachten vor hundert Jahren. Wird dieses Vermächtnis erfüllt, dann hat das Sterben unserer Vorfahren eben doch einen fernen Sinn gehabt.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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