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CSU-Kommentar : Da hilft nur noch Erbarmen

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Der Schatten des CSU-Parteivorsitzenden Horst Seehofer während einer Pressekonferenz im Anschluss an eine CSU-Vorstandssitzung im Mai 2014 in München Bild: dpa

Mit ihrem internen Fingerhakeln um Seehofers Erbe bietet die CSU mal wieder ganz große Unterhaltung. Doch offenbar reicht das den Bayern heute nicht mehr. Ist ihnen der Humor abhandengekommen?

          Niemand kann der CSU vorwerfen, das Publikum zu langweilen. Während die CDU mürrisch hinter Angela Merkel her trottet, die SPD Martin Schulz zum groß-koalitionären Rumpelstilzchen schrumpft, bietet die bayerische Staatspartei wieder einmal ganz große Unterhaltung. Wird Horst Seehofer noch der Capo dei capi sein, wenn ihm Markus Söder oder Joachim Herrmann als Spitzenkandidat für die Landtagswahl im Herbst nächsten Jahres an die Seite gestellt wird? Oder zieht er sich grollend in die Berge zurück und schläft tief drinnen im Watzmann-Massiv, bis seine Zeit wieder gekommen ist?

          Selbst Nebenrollen sind bestens besetzt: Herrlich, wie aus dem Agrarbuchhalter Christian Schmidt ein Glyphosat-Rebell geworden ist. Ganz zu schweigen von dem einstigen Bildungsbürger Ludwig Spaenle, der als später Freibeuter das „politische Leichtmatrosentum“, das nicht unter der Flagge Söders segeln will, das Fürchten lehrt.

          Dramaturgisch war die CSU lange auf der Höhe der Zeit, wenn sie ihres Spitzenpersonals überdrüssig wurde, weil es schwächelte. Wie Max Streibl gerade noch ein „Saludos Amigos!“ hervorstoßen konnte, bevor es ihm an den Kragen ging; wie gegen Theo Waigel, als er bayerischer Ministerpräsident werden wollte, eine Schlammlawine losgetreten wurde, die mit den Methoden von „House of Cards“ mithalten kann; wie sich zur nächtlichen Stunde im eisigen Kreuther Hochtal die Frondeure gegen Edmund Stoiber sammelten, der sich in seine Wolfratshausener Doppelhaushälfte, diese anrührende Version einer Trutzburg, zurückgezogen hatte: Fad ging es in der CSU nie zu.

          „Same procedure as every year“ bei der Landtagswahl?

          Die Wähler dankten es ihr, konnten aber auch streng sein. Als Günther Beckstein und Erwin Huber sich als bloße Imitate von Verschwörern entpuppten, weil sie Stoiber monatelang munter weiterregieren ließen, musste die CSU für eine Legislaturperiode die Macht in München mit der FDP teilen.

          Werden die Wähler im nächsten Herbst wieder in ausreichender Zahl ihr Kreuz bei der CSU machen, ein „Hund san’s scho“ auf den Lippen? Weil die CSU es beim Regieren des eigenen Landes nicht übertreibt mit der Prinzipientreue? Wenn Stromleitungen beim Blick über den Maßkrugrand als störend empfunden werden, verlegt die CSU sie eben unter die Erde, zumindest solange die Maulwürfe kein Wahlrecht haben.

          Werden die Bayern CSU wählen, weil sie überzeugt sind, dass es deren ungebrochener Rauflust bedarf, um in Berlin und Brüssel maximale Beute für den Freistaat herauszuholen? Die Lebenserfahrung spricht dafür, dass jemand, der so kunstvoll eigene Spieler foult, auch bei Gegnern zur Höchstform auflaufen kann. Also „same procedure as every year“ bei der Landtagswahl?

          Irgendwie scheint es, dass den Bayern der Humor abhandengekommen ist, zumindest tun sie so, wenn sie von den Demoskopen befragt werden. Glaubt man deren Befunden, ist die Behauptung der absoluten Mehrheit unwirklicher als Schloss Neuschwanstein im Morgennebel. Früher hätten es die Bayern, in der Mehrzahl Katholiken und damit hinreichend erfahren im Zusammenfall der Gegensätze, großartig gefunden, wie Seehofer die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende als Rechtsbrecherin geißelte – und dann, als die Bundestagswahl näher rückte, als Staatsfrau feierte.

          Wo die CSU war, war Bayern

          Früher hätten sie sich auf die Schenkel geklopft, wie Christian Schmidt in allerbester Viehhändler-Manier die SPD-Umweltministerin Barbara Hendricks hinters Licht führte. Früher hätten sie einen Freudenjauchzer ausgestoßen, wenn CSU-Größen im Kampf um Seehofers Erbe „Kameradschaft“ und „Teamgeist“ beschwören, während die verbalen Hirschfänger aus der Lederhose geholt werden.

          Aber jetzt setzen die Bayern verdrießliche Mienen auf, schielen zu den Freien Wählern und zur AfD – und lassen die CSU ratlos zurück. Sie konzentriert sich auf interne Fingerhakeleien, weil ihr partout nicht einfällt, was sie nach außen tun soll.

          Früher war es noch einfacher, als es das zu Tode zitierte, immer schon leicht schräge Wort von Franz Josef Strauß suggerierte: dass es rechts von der CSU keine demokratisch legitimierte Partei geben dürfe. Die CSU war überall – rechts bei den Nationalkonservativen, in der Mitte bei den Liberalen, links bei den Sozialpolitikern. Wo die CSU war, war Bayern – Aus, Äpfe, Amen!

          Jetzt treibt ihr schon ein „fußballspielender, ministrierender Senegalese“ den Angstschweiß auf die Stirn, weil sie in der Flüchtlingspolitik rinks verlieren könnte, was sie lechts gewinnt, um es in der Topographie Ernst Jandls zu verorten. Und niemand kann ihr Luft verschaffen, nicht die Soziologen und Politologen, die dickleibige Folianten über die Ausdifferenzierung der Gesellschaft verfassen, nicht die Propagandagurus, die alles für eine Frage der richtigen Werbestrategie halten, ja nicht einmal Horst Seehofer, sollte er doch zum ewigen Parteivorsitzenden ausgerufen werden. Erbarmen mit der CSU – das ist vielleicht die einzige Losung, die ihr im Herbst noch helfen kann.

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