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Kommentar : Der Animateur

  • -Aktualisiert am

Der designierte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz trat in seiner Nominierungsrede als ein demokratischer Populist auf. Sein Start war furios. Der Wahlkampf ist aber kein Kurzstreckenlauf.

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          Martin Schulz hat sich am Sonntag als ein Sozialdemokrat klassischer Provenienz präsentiert: Ein Mann, der aus kleinen Verhältnissen stammt und also die Nöte der sogenannten kleinen Leute kennt; der es sich anfangs in seinem Leben nicht leicht gemacht hat und der, trotz seines Aufstiegs in der EU, nicht redet wie ein Angehöriger des diplomatischen Diensts.

          Schulz sprach direkt. Er trat authentisch auf. Er verlor sich nicht in Floskeln und auch nicht in Visionen. Er nutzte seine politisch-berufliche Vergangenheit, wozu vor allem gehört, dass er bislang im engeren Sinne nicht zum Milieu der Berufspolitiker in Berlin gehörte. Mit seiner Nominierung zum Parteivorsitzenden und zum Kanzlerkandidaten hat die SPD ein neues Gesicht präsentiert.

          Das ist für den bevorstehenden Bundestagswahlkampf die eigentliche Gefahr für Angela Merkel. Schulz hat sich in seiner Rede nicht auf Einzelheiten seiner Politik und des Wahlprogramms der SPD festgelegt. Er machte keine Versprechungen und vermied Festlegungen. Doch gab er – gewiss in Übereinstimmung mit seinem baldigen Vorgänger im Parteivorsitz, Sigmar Gabriel – Linien vor: mehr tun für Familien und Bildung; die Sorgen der Leute ernst nehmen, sogar jener Menschen, die sich vor zu vielen Einwanderern und zu vielen Flüchtlingen fürchten. Ein „gegen die da oben“ durchzog seinen Auftritt. Schulz trat im Sinne eines „demokratischen Populismus“ auf.

          Der Start war furios. Der Wahlkampf aber ist kein Kurzstreckenlauf. Acht Monate bis zum Wahltag stellen eine lange Strecke dar. Schulz wird mit vielen Realitäten konfrontiert werden: mit der Erfahrung und Beliebtheit Merkels etwa und mit der Streitlust der SPD. Vor allem wird Schulz die Frage zu beantworten haben, mit welchen Bündnispartnern er seinen Anspruch durchsetzen will, Bundeskanzler zu werden. Dass die SPD in ihrem gegenwärtigen Zustand als stärkste Kraft aus der Bundestagswahl hervorgehen wird, glaubt wahrscheinlich nicht einmal er selbst. Zunächst aber wollte Schulz, der Animateur, seine Partei zum Kampf motivieren. Im Willy-Brandt-Haus ist ihm das gelungen. Er weiß, dass er noch mehr liefern muss.

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