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Kommandeur-Kritik : Gehen die Falschen zur Marine?

Einst ein Sehsuchtsziel vieler junger Menschen: Das Segelschulschiff Gorch Fock – Archivbild aus dem Jahr 2013 Bild: Johannes Leithäuser

Die Bundeswehr kämpft um geeignete Bewerber. Vor allem mit attraktiveren Arbeitsbedingungen. Die Besonderheiten der Seestreitkräfte spielen dabei keine große Rolle.

          Es gab einmal eine Zeit, da war die Marine ein Traum vieler junger Männer (und weniger Frauen). Nennen wir sie die „Charly-Schmitt-Zeit“. Charly war ein Seemann, wie er im Buche steht. Und Musiker mit Leib und Seele. Wenn im Sommer die Nordseeinsel Sylt aus allen Nähten platzte, verging kaum eine Woche, in der der Bootsmann der Marineversorgungsschule List mit seinem Chor nicht auf der Bühne stand und, untermalt von den Klängen des Akkordeons, das Gorch-Fock-Lied sang.

          Die hohe Masten und der schlanke Bug

          Ziehn‘ immer wieder uns auf See

          Die Angst die mancher einst im Herzen trug

          Verging wie die Seekrankheit im Lee

          Der Bootsmann ist nicht immer angenehm

          Gefürchtet ist auch mancher Maat

          Ist auch ihre Nähe oft recht unbequem

          Im Herzen ist doch jeder Kamerad

          Die stimmgewaltigen jungen Männer, das Meer, die Schiffe, das Fernweh. Mehr brauchte es nicht, um unzählige Heranwachsende für die Marine zu begeistern und an sie zu binden. Zumal der Chor zu seinen Hochzeiten in den 80er Jahren auch im Fernsehen und sogar in der Dortmunder Westfalenhalle auftrat. Die Wehrpflicht gab es ja ohnehin. Und bei Tausenden wurde aus der kurzen Romanze mit den Seestreitkräften eine lange Beziehung – oder sogar eine Liebe für das gesamte Berufsleben.

          Das alles ist längst Geschichte. Charly Schmitt ging 2001 in Ruhestand, seine Planstelle als Chorleiter wurde gestrichen. Fünf Jahre später wurde die Marineversorgungsschule dichtgemacht, Ende 2010 dann beerdigte der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) die Wehrpflicht. In Afghanistan kämpften und fielen deutsche Soldaten. Für Seefahrerromantik war kein Platz mehr da, und auch für die Marine blieb nur noch wenig Raum. Eine triste Mischung aus Einsatzerfordernissen, Streitkräfteschrumpfung und Sparzwängen.

          Das blieb nicht ohne Auswirkungen. Die Marine muss heute um Bewerber kämpfen, so wie die ganze Bundeswehr. Ende des Jahres 2017 blieben laut dem jüngsten Bericht Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages, Hans-Peter Bartels (SPD), 21.000 Dienstposten in der Truppe unbesetzt. Das Verteidigungsministerium versucht zwar, den Problemen mit Maßnahmen zu begegnen, die die Attraktivität steigern sollen, und will sogar den Planumfang der Bundeswehr um 13.000 auf 198.000 Soldaten erhöhen. Jedoch ließen „vielfältige Schwierigkeiten in der Personalgewinnung (…) dieses bescheidene Ziel als große Herausforderung erscheinen“, so Bartels. Auch der Marine fehlen Soldaten, zum Beispiel bei den Elektronikern. Kein Wunder, schließlich ringen auf dem leergefegten Arbeitsmarkt zahlreiche Unternehmen und Behörden um sie mit.

          Rekruten werden an der Marinetechnikschule in Parow bei Stralsund feierlich vereidigt.

          Die Marineführung suchte in den vergangenen Jahren, das Beste aus den Nachwuchssorgen zu machen. Laut eigener Aussage nicht ohne Erfolg. „Querschnittlich sieht die Entwicklung gut aus“, sagte Marineinspekteur und Vizeadmiral Andreas Krause im Januar auf einer Marine-Tagung in Dobbin-Linstow. „Auch wenn die Bewerber und Bewerberinnen nicht immer die Qualifikationen mitgebracht haben, die wir so dringend benötigen.“ Fachlich lassen sich die Lücken füllen, und die Marine tut dafür einiges. Etwa mit Ausbildungsprogrammen und neuen Karriereperspektiven. Aber wie sieht es mit der charakterlichen Eignung aus?

          Jörg-Michael Horn zählt zu jenen Offizieren, die noch aus der „Charly-Schmitt-Zeit“ stammen. Geboren 1968 in Brunsbüttel, eingetreten in die Marine 1988. „Ein echter Seebär“, sagen Kameraden, die Horn gut kennen. Also ziemlich nah dran an dem Idealbild, das die Sylter Matrosen einst besangen. Die vergangenen 30 Monate kommandierte Horn den größten Schiffsverband der Marine. Seit dem vergangenen Wochenende kennt ihn ganz Deutschland. Als Kommandeur, der Tacheles redet. Auch wenn die Marine abwinkt und mit seiner Generalabrechnung ziemlich gelassen umgeht. Öffentlich zumindest.

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