https://www.faz.net/-gpf-98jpv

Kommandeur-Kritik : Gehen die Falschen zur Marine?

Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

Mehr erfahren

Horn gehört zu jenen, die meinen, es fehle bei vielen jungen Soldaten an vielen Ecken an Erfahrungen und Kompetenzen. „Der Job bringt Belastungen mit sich. Diese Belastungen muss man auch (…) kommunizieren. Es nützt mir nichts, Leute an Bord zu bekommen, die hier dann einen Kulturschock erleiden“, sagte der Kapitän zur See am Rande seiner Kommandoübergabe in Wilhelmshaven einem lokalen Radiosender. Wer sich auf Schiffen der Marine umhört, bekommt einen Eindruck davon, was der Berufsoffizier meinen könnte. Dabei sind Fälle wie die des Matrosen, der sich beim Ablegen des Schiffes wundert, warum es sich bewegt und es keinen Internetempfang an Bord gibt, nur die Spitze des Eisbergs. Andere Schilderungen erzählen von Unteroffizieren, die von der Schiffsführung verlangen, umgehend Versetzungen zu veranlassen, weil sich die persönliche Lebenssituation gewandelt habe – oder die offen sagen, dass sie nur wegen des Geldes an Bord seien.

Viele Soldaten stellten das „Ich“ über das „Wir“

Horn selbst sprach in seiner Rede anlässlich der Kommandoübergabe des 2. Fregattengeschwaders vergangenen Mittwoch von einer „Vielzahl von Eingaben“ zu diesem Thema. Sein Eindruck: Viele Soldaten stellten heute das „Ich“ über das „Wir“. Wer zur Marine komme, müsse sich einlassen auf ein Wertesystem, in dem altmodische Kategorien zählten: Mut und Tapferkeit, Ehre und Opferbereitschaft. Vor allem aber: Kameradschaft und Loyalität.“

Fest steht: Bei den Eignungsprüfungen in den Karrierecentern der Bundeswehr wird eine Menge getestet: Können die Bewerber rechnen und schreiben? Sind sie sportlich fit? Psychologisch belastbar? Demokratiefest? Tugenden, wie sie Horn einfordert, lassen sich indes genauso schlecht prüfen wie die Leidenschaft für die See.

Kapitän zur See Horn bei seiner Verabschiedung in Wilhelmshaven
Kapitän zur See Horn bei seiner Verabschiedung in Wilhelmshaven : Bild: Presse- und Informationszentrum Marine/2018 Bundeswehr / Kim Brakensiek

Die Marineführung teilt die Perspektive derjenigen, die wie Kapitän zur See Horn denken, laut eigener Aussage nicht. „„Wir müssen schon mit der Zeit gehen“, sagt der Sprecher des Marineinspekteurs, Kapitän zur See Johannes Dumrese, im Gespräch mit FAZ.NET. Dass heutige Rekruten auch an Bord von Kriegsschiffen ins Internet wollten, sei völlig normal. Militärische Tugenden ließen sich erlernen, und man müsse sich an sie gewöhnen. Das sei bei ihm persönlich ähnlich gewesen, als er 1984 in die Marine eintrat. Die Marineführung jedenfalls erlebe im Einsatz die Besatzungen „hochmotiviert“. Dass die nach langen Monaten auf See nach Hause und umgekehrt diejenigen, deren Schiffe im Dock liegen, zur See fahren wollten, sei normal. Dass es heute schwieriger sei als früher, stellt Dumrese nicht in Abrede. „Wo wird von einem 17-jährigen heute noch Tapferkeit angefordert? Das muss man ihm schon erst mal näherbringen.“

Und doch scheint Marineinspekteur Krause die Kritik seines ehemaligen Geschwaderkommandeurs zumindest ein Stück weit nachvollziehen zu können. „Wenngleich ich sehr erfreut darüber bin, dass die Werbung für den Arbeitgeber Bundeswehr nicht mehr nur aus unterschiedlichen grünen Polygonen besteht, ist es weiterhin mein Petitum, dass wir unverändert auch eine marinespezifische Werbung benötigen, um die Besonderheiten unseres Berufs entsprechend darstellen zu können“, sagte Krause in seiner jüngsten Rede. Die „Charly-Schmitt-Zeit“ mag vorüber sein. Die Begeisterung für die See, verbunden mit der Bereitschaft, die Härten des Lebens an Bord zu teilen, bleibt für die Marine ein Schlüssel, um ihren Auftrag zu erfüllen. Auch ohne Akkordeon und Seemannslieder.

Weitere Themen

Topmeldungen

Eine Fahrradstraße in Barcelona

Stadtentwicklung : Die Vision der 15-Minuten-Stadt

Arbeit, Läden, Kultur: Alles soll in der Nähe liegen wie in einem Dorf innerhalb der Stadt. Die Idee erscheint verlockend. Aber wollen die Bürger das überhaupt?
Rentner an der Côte d'Azur in Nizza.

F.A.S. exklusiv : Corona steigert die Rente

In der Corona-Krise sinken die Löhne, dann steigen sie wieder. Allein das führt dazu, dass die Rentenversicherung künftig jedes Jahr zusätzliche Milliarden auszahlt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.