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Rechtsextreme in Köthen : „Nationaler Sozialismus! Jetzt! Jetzt! Jetzt!“

  • Aktualisiert am

Ein Screenshot eines Videos aus Köthen, das ein Journalist der französischen Zeitung „Le Monde“ auf Twitter geteilt hat Bild: Screenshot: Twitter/@ThomasWieder

Videoaufnahmen zeigen, wie ungehemmt rechtsextreme Parolen bei dem „Trauermarsch“ nach dem Tod eines 22 Jahre alten Mannes in Köthen skandiert werden.

          Es sind Bilder, die schockieren: Ein Demonstrationszug zieht durch das nächtliche Köthen, vorwiegend junge Männer. Immer wieder skandiert die Menge: „National! Sozialismus! Jetzt! Jetzt! Jetzt!“ Das Video ist auf Twitter zu sehen, ein Journalist der französischen Zeitung „Le Monde„ hat es am Sonntagabend geteilt, seither verbreitet es sich tausendfach im Netz. Von der Szene existieren offenbar auch andere Aufnahmen, sie werden seit Sonntag auch bei Facebook geteilt. Die Perspektive mag eine andere sein, doch die Worte, die die Menge skandiert, sind dieselben: „Nationaler Sozialismus! Jetzt! Jetzt! Jetzt!“ Die Aufnahmen verstören. „Die alte Bundesrepublik ist zu Ende gegangen, für unsere Demokratie müssen wir stündlich kämpfen“, schrieb die Grüne Bundestagsabgeordnete Renate Künast auf Twitter unter dem Video. 

          Nach dem Tod eines 22 Jahre alten Mannes in der sachsen-anhaltischen Stadt hatten am Sonntagabend rund 2500 Menschen an der Kundgebung teilgenommen, zu der rechte Gruppierungen in sozialen Netzwerken aufgerufen hatten. Auch einschlägige Neonazis wie das ehemalige NPD-Mitglied David Köckert erschienen bei den Protesten. Der junge Mann war in der Nacht von Samstag auf Sonntag nach einem Streit mit zwei Afghanen an Herzversagen gestorben. Wie Polizei und Staatsanwaltschaft in der Nacht zu Montag mitteilten, erließ das Amtsgericht Dessau-Roßlau inzwischen Untersuchungshaftbefehl gegen die beiden an dem Streit beteiligten Afghanen. Gegen die 18- und 22-jährigen Tatverdächtigen werde wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt. Beide befänden sich in Untersuchungshaft, die Ermittlungen dauerten an. Laut Obduktionsergebnis starb der 22-jährige Köthener durch akutes Herzversagen. Dieses stehe „nicht im direkten kausalen Zusammenhang mit den erlittenen Verletzungen“. Auslöser der Auseinandersetzung war offenbar ein Streit zwischen zwei Deutschen und zwei Afghanen. Dabei soll es nach Medienberichten möglicherweise um die Schwangerschaft einer Frau gegangen sein. Der 22-Jährige kam zunächst noch ins Krankenhaus, wo er später starb.

          Ausschreitungen oder Gewaltszenen am Rande des Trauermarsches wurden am Sonntag in Köthen zunächst nicht bekannt. Es wurden unter anderem Blumen und Kerzen an dem Ort niedergelegt, an dem die Auseinandersetzung stattfand. Laut „Mitteldeutscher Zeitung“ wurde die Stimmung nach Abschluss des Trauermarsches jedoch zunehmend aggressiv. Zu einer unter anderem von der Linken-Landtagsabgeordneten Henriette Quade kurzfristig organisierten Gegendemonstration „Rassistische Hetzjagden verhindern bevor sie entstehen“ kamen nur wenige Dutzend Menschen. Quade berichtete im Kurznachrichtendienst Twitter von etwa 200 Teilnehmern.

          An einer kurzfristig organisierten Trauerandacht der Evangelischen Landeskirche Anhalts in der Köthener St.-Jakobskirche hatten am frühen Abend mehrere Hundert Menschen teilgenommen. Vertreter aus Politik und Kirche mahnten zur Besonnenheit. Die Zivilgesellschaft sei aufgerufen, sich durch die Gewalttat nicht instrumentalisieren zu lassen, sagte der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, dem Evangelischen Pressedienst (epd).

          Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) betonte, er habe vollstes Verständnis für die Betroffenheit der Bürger, bitte aber um Besonnenheit. Sachsen-Anhalts Integrationsbeauftragte Susi Möbbeck (SPD) reagierte auf Twitter mit den Worten: „So Traurig. Ein Mensch ist gewaltsam zu Tode gekommen. Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen.“ Weiter betonte Möbbeck: „Gewalt ist immer und überall zu verurteilen. Zeit für Trauer. Zeit für Besonnenheit. Passt aufeinander auf.“

          In Chemnitz war vor zwei Wochen ein 35-jähriger Deutsch-Kubaner am Rande des Stadtfestes im Streit erstochen worden. Tatverdächtig sind drei Asylsuchende. Nach der Tat war es zu rechtsgerichteten Demonstrationen mit Angriffen auf ausländisch aussehende Menschen, Polizisten und ein jüdisches Restaurant gekommen.

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