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Kölner OB nach Anschlag : „Ich schrecke nicht zurück“

Fünf Wochen nach einem Messerattentat hat Henriette Reker ihr Amt als Kölner Oberbürgermeisterin angetreten. Bild: dpa

Fünf Wochen nach dem Attentat hat die neue Kölner Oberbürgermeisterin Reker am Freitag ihre Arbeit aufgenommen. In ihrer ersten Pressekonferenz sagt sie, sie habe das „größte Glück gehabt“, das man nur haben könne.

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          Und dann ist Henriette Reker nach fünf Wochen einfach da. Lächelnd setzt sich die neue Kölner Oberbürgermeisterin in einem Raum des Museums Ludwig vor die Presse. Am 17. Oktober, einen Tag vor der Oberbürgermeisterwahl, hatte der 44 Jahre alte mutmaßliche Rechtsextremist Frank S. der parteilosen Politikerin mit einem großen Jagdmesser in den Hals gestochen und sie lebensgefährlich verletzt.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Nach Erkenntnissen der Ermittler, hatte der arbeitslose Maler- und Lackierergeselle sich die 58 Jahre alte Reker gezielt als Opfer ausgesucht, um ein Klima der Angst bei all jenen zu erzeugen, die sich für Flüchtlinge engagieren. Denn Reker war in ihrer bisherigen Funktion als Sozialdezernentin auch für die Flüchtlingsunterbringung zuständig. Die Tat sei der „vorläufige Höhepunkt in einer ganzen Reihe von Einschüchterungen und Bedrohungen gegen Personen, die sich zugunsten von Flüchtlingen und deren Aufnahme in Deutschland engagieren“, so die Bundesanwaltschaft, die die Ermittlungen zwischenzeitlich übernahm.

          Im Museum Ludwig lässt Henriette Reker am Freitag zunächst einmal das Blitzlichtgewitter der Fotografen über sich ergehen. Kopfnickend, manchmal auch winkend grüßt sie Freunde und Wegbegleiter wie den früheren Oberbürgermeister Fritz Schramma, die sie zwischen den Journalisten entdeckt. Dann beginnt sie zu reden, freundlich und fest. Das größte Glück, das man nur haben könne, habe sie am 17. Oktober gehabt. „Ich habe einen Mordanschlag überlebt, der normalerweise zum Tode führt.“ Das Attentat habe ihr Bewusstsein für den eigenen Charakter verstärkt. Es habe ihre Werte, ihre innere Entschiedenheit und ihre Entschlossenheit noch gefestigt. „Zu all jenen, die sich in dieser rechten Ecke der Hetze aufhalten, möchte ich sagen: Gewalt und Hass belügen sich selbst, sie sind keine Lösung. Zum Dialog gibt es keine Alternative.“

          Auch darüber, wie sie die Tat selbst erlebte, spricht Reker. Der Attentäter habe sie zunächst um eine Rose gebeten. „Und dann hat er das Messer herausgezogen und es mir in den Hals gesteckt.“ Ganz freundlich habe er sie dabei angeschaut. Man frage sich schon, wie jemand, der so freundlich schaue, so etwas machen könne. „Er hat mit dem Messerstich die Luftröhre komplett durchtrennt, ist in den zweiten Trachialwirbel eingedrungen und hat ihn gespalten.“ Sofort sei sie zu Boden gegangen. Bewusst habe sie ganz reglos dagelegen. „Ich habe den Finger einfach in die Wunde gesteckt, weil ich wusste, dass das helfen würde.“ Angst habe sie nicht empfunden. „Nur Sorge, dass ich wegen des Stichs in den Wirbel gelähmt sein könnte.“

          „Es gibt schließlich auch noch ein richtiges Leben“

          Dass sie am 18. Oktober die absolute Mehrheit der Stimmen erzielt hatte, erfuhr Reker erst vier Tage nach der Wahl von ihrem Ehemann Perry Somers, als sie auf der Intensivstation der Kölner Universitäts-Klinik wieder ganz aus dem künstlichen Koma erwacht war. Wenn sie sich recht erinnere, habe ihr aus Australien stammender Mann gesagt: „Darling-Heart, Du hast die Wahl gewonnen.“ Schön habe sie das gefunden, aber so spektakulär dann doch auch wieder nicht. „Das ist ja auch nicht alles, es gibt schließlich auch noch ein richtiges Leben.“

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          Und ein bisschen surreal sei es ihr auch vorgekommen. „Man muss sich ja erst mal orientieren.“ Die Entscheidung, die Wahl noch auf dem Krankenbett anzunehmen, sei ihr aber leichtgefallen. Es gehöre zur Pflichterfüllung, das Ruder in die Hand zu nehmen. Nie habe sie gedacht: Jetzt will ich nicht mehr. „Verdauen“ habe sie die Ereignisse natürlich zunächst schon müssen. „Aber wenn man so einen hohen Preis bezahlt hat wie ich, dann möchte man auch die Früchte einbringen.“

          „Ich schrecke nicht zurück“

          Berge von Briefen, Blumen, Geschenke hat Henriette Reker nach dem Attentat in die Klink geschickt bekommen. So viele Glücksbringer seien dabei gewesen, dass ihr ihre ganzes Leben lang nichts Schlimmes mehr passieren könne, sagt sie lächelnd. „Aber vor allem haben die Menschen an mich gedacht und für mich gebetet. Und das nützt immer.“

          Natürlich wird auch die Frage gestellt, ob die neue Oberbürgermeisterin nach ihrem schrecklichen Erlebnis noch unbefangen mit den Bürgern umgehen kann oder ob sie zurückschreckt, wenn ihr jemand die Hand recht. „Ich schrecke nicht zurück“, antwortet Reker fest und erzählt von einer Begegnung. Dieser Tage habe ein „sehr kräftiger Herr“ sie in einer Apotheke umarmt. „Der Apotheker hatte mehr Angst als ich.“ Aber dann erzählt die Oberbürgermeisterin doch auch, dass jedes Martinshorn sie an das Attentat erinnert. „Und wir wohnen dummerweise nicht weit von einer Feuerwache.“

          Sie habe Glück gehabt, großes Glück, sagt Reker dann noch einmal. „Ich habe Glück gehabt. Das gibt mir die Kraft, die lokale Verletzung als Lebensumstand anzuerkennen und ich muss eben noch Schlucken üben. Ich schlucke aber nicht alles.“

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