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Kölner Moschee : Der beschädigte Neubau

Der Bau des größten Moschee-Komplexes Deutschlands ist weit fortgeschritten. Bild: Schoepal, Edgar

In Köln entsteht Deutschlands größte Moschee. Ein Symbol gelungener Integration soll sie sein. Doch der rüde Umgang der Ditib mit dem Architekten wirkt auf viele Kölner befremdlich.

          3 Min.

          Von außen betrachtet, scheint alles seinen geplanten Gang zu gehen. Im Kölner Stadtteil Ehrenfeld ist der Bau des größten Moschee-Komplexes Deutschlands eindrucksvoll fortgeschritten. Schon von weither sind die zwei 55 Meter hohen Minarette und die runde Betonkugel zu sehen. Je sichtbarer die architektonische Qualität des Millionenprojekts wurde, desto weniger aufgewühlt wurde in Köln über das zunächst heftig umstrittene Vorhaben diskutiert.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Ginge alles wie vorgesehen weiter, könnte die repräsentative Zentralmoschee der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V. (Ditib) im Frühjahr eröffnet werden. Doch ob der Termin zu halten ist, steht wegen eines selbst für enge Begleiter des Projekts völlig überraschend öffentlich aufgebrochenen Großkonflikts zwischen der Ditib und dem Kölner Architekten Paul Böhm in den Sternen.

          Die Ditib und Böhm, der renommierte Kirchenbaumeister aus Köln, galten noch bis vor kurzem als ideales Team. Der Dialog zwischen den Religionen, so schien es, sei schon im Grundstein der Ehrenfelder Moschee enthalten. Und Böhms kongenialer Entwurf der Moschee-Außenschale aus Beton schien schon jene Offenheit und Transparenz zu signalisieren, zu der sich die Ditib in Köln verpflichtet hat. Der Kirchenbaumeister half der Ditib, Akzeptanz für ihr Moschee-Vorhaben zu finden. Doch am Montag vergangener Woche kündigte die Ditib dem Architekten "wegen unüberbrückbarer Differenzen" mit sofortiger Wirkung "aus wichtigem Grund" - den der Verein allerdings nicht mitteilte.

          Als Bauleiter versagt?

          Wenige Tage später hielt die Ditib dann eine merkwürdige Pressekonferenz ab, auf der eine Sprecherin eine lange Erklärung verlas. Darin hieß es, die Kosten für die Moschee seien "explodiert" und es sei zu gravierenden Baumängeln gekommen, was vielfach auf das Architekturbüro Böhm zurückzuführen sei. Für die Ditib habe sich durch ein Gutachten der Verdacht bestätigt, dass das Büro Böhm seiner Aufgabe nicht gewachsen gewesen sei. "Als Künstler hat Herr Böhm brilliert, als Bauleiter hat er leider versagt." Um eine Eskalation zu vermeiden habe man Böhm angeboten, den Vertrag unter Ausklammerung von Haftungsfragen für bereits entstandene Mängel einvernehmlich aufzuheben.

          Nach Darstellung der Ditib hätte der Architekt damit die künstlerische Bauoberleitung behalten und die Möglichkeit gehabt, gesichtswahrend "in der Außendarstellung im Projekt" zu bleiben. "Auch diese Chance hat Herr Böhm vertan", urteilt die Ditib und wirft dem Architekten nicht nur vor, überzogene Honorarforderungen zu stellen, sondern auch den Ditib-Vorstand zum Sündenbock in dem Konflikt machen zu wollen.

          Der Kölner Architekt Paul Böhm
          Der Kölner Architekt Paul Böhm : Bild: dpa

          Damit spielte die Ditib, die faktisch der verlängerte Arm des türkischen Amts für religiöse Angelegenheiten (Diyanet) ist, auf kritische Einlassungen des Architekten über den neuen Vereinsvorstand an. Seit der Vorstand ausgetauscht worden sei, sei die Kommunikation "gestört", hatte Böhm gesagt. Seit Tagen schon wird in vielen Zeitungen spekuliert, beim Ehrenfelder Moschee-Eklat gehe es nicht um Baumängel, sondern um eine politische Kursänderung der Ditib.

          Auch die ehemalige Kölner SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün, die das Moschee-Projekt stets befürwortet, aber dennoch kritisch begleitet hat, äußerte, man spüre schon seit einiger Zeit, dass die Ditib sich auch durch Veränderungen in der Türkei verändere. Womöglich fühle sich der neue Vorstand nicht mehr an den Konsens der Kölner Stadtgesellschaft zum Moscheebau gebunden. Jedenfalls sei die Ditib direkt dem türkischen Ministerpräsidenten unterstellt und damit gänzlich abhängig von der politischen Großwetterlage in der Türkei. Wenn sich dort die Stimmung sehr viel konservativer gestalte, schlage das bis nach Köln durch.

          Symbol misslungener Integration

          Auch durch den Verlauf der Ditib-Pressekonferenz vergangene Woche in Köln fühlen sich Kritiker bestätigt. Zugelassen wurden nur "bautechnische Verständnisfragen", weil die Baufrage nicht ideologisch aufgeladen werden dürfe. Fritz Schramma (CDU), der sich in seiner Zeit als Oberbürgermeister auch gegen den erbitterten Widerstand aus den Reihen der CDU für das Moschee-Vorhaben eingesetzt hat, beschreibt die Pressekonferenz als "ungewöhnlich restriktiv" geführt. Die Ditib habe einen schroffen Ton angeschlagen. Noch immer ärgert sich Schramma zudem darüber, dass der Moscheebeirat, dem er angehört, nicht vorab über die Kündigung Böhms informiert worden sei.

          "Wir hatten immer positive Informationen wie: Wir kommen gut voran." Nach dem Pressekonferenz-Eklat ging Schramma zu einem der Ditib-Vorstände und machte ihm deutlich, dass man weder mit dem Beirat, noch mit der Presse so umgehen könne. Schramma fürchtet, dass der Vorgang Wasser auf die Mühlen der Projektgegner vom rechten politischen Rand ist. Aber auch um die Stimmung der breiten Kölner Stadtgesellschaft sorgt er sich. "Der Bau ist ja mittlerweile als Aha-Erlebnis positiv belegt und damit akzeptiert. Doch durch die schroffe Pressekonferenz und die Kündigung hat diese Entwicklung einen Knacks bekommen."

          Intensiv ist Schramma in diesen Tagen darum bemüht, zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Kommende Woche soll der Moscheebeirat zusammentreten - auch Böhm, der die Vorwürfe der Ditib empört zurückweist, ist dazu eingeladen. Der Beirat hoffe, dass eine gerichtliche Auseinandersetzung vermieden werden könne. "Aber es geht scheinbar auch um viel Geld. Das wird wohl das Problem sein, auf beiden Seiten", gibt Schramma zu bedenken. Doch sollten sich die Fronten weiter verhärten, könnte es zu einem Baustopp und langwierigen juristischen Auseinandersetzungen kommen.

          Statt einer Großmoschee befände sich dann mitten in Köln eine große Bauruine, die unweigerlich als Symbol misslungener Integration interpretiert würde. Aber Schramma bleibt Optimist. Die Moschee werde eine Bereicherung. Gewiss werde sie einmal zu den drei meistbesuchten Gebäuden der Stadt gehören und bald "eingekölscht" sein.

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