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Köln : Wahl im Angesicht des Schreckens

  • Aktualisiert am

Bild: dpa

Nach dem Attentat auf die Favoritin Henriette Reker wählt Köln im Schockzustand einen neuen Oberbürgermeister. Politiker rufen zum Kampf gegen den Fremdenhass auf.

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          Trotz des vermutlich fremdenfeindlich motivierten Attentats auf die parteilose Kandidatin Henriette Reker wählen die Kölner an diesem Sonntag ihren neuen Oberbürgermeister. Um 8.00 Uhr öffneten die Wahllokale in der viertgrößten Stadt Deutschlands. 812.000 Wahlberechtigte sind aufgerufen, ihre Stimmen abzugeben. Reker, die als aussichtsreiche Kandidatin gilt, war am Samstag bei einer Wahlkampfveranstaltung von einem 44-Jährigen niedergestochen worden. Nach einer Notoperation war sie nach Angaben ihrer Ärzte am Samstagabend außer Lebensgefahr.

          Das Attentat hat das spannende Duell um den Chefsessel im Kölner Rathaus in den Hintergrund treten lassen. Dabei könnte Reker die erste parteilose Oberbürgermeisterin und die erste Frau an der Spitze der Domstadt werden. Neben ihr hat einer Umfrage zufolge noch der SPD-Landtagsabgeordnete Jochen Ott Chancen auf den Wahlsieg.

          Altmaier nennt Anschlag „abscheulich“

          Der 44-jährige Täter hatte Reker am Samstagmorgen an einem CDU-Wahlkampfstand auf einem Wochenmarkt niedergestochen. Die 58 Jahre alte Politikerin wurde nach offiziellen Angaben im Halsbereich schwer verletzt. Der Mann nannte für seine Tat fremdenfeindliche Motive – Reker ist als Kölner Sozialdezernentin für die Unterbringung von Flüchtlingen in der Domstadt zuständig.

          Attentat in Köln : Tat aus fremdenfeindlichen Motiven

          Der Flüchtlingskoordinator und Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) rief angesichts des Vorfalls zum Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit auf. „Der Anschlag ist verachtenswert und abscheulich“, sagte Altmaier den Zeitungen der in Essen ansässigen Funke-Mediengruppe. „Wir müssen uns zu jedem Zeitpunkt deutlich abgrenzen von jeder Form von Ausländerfeindlichkeit und Gewalt.“

          Kölns scheidender Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) rief zu Standhaftigkeit auf. „Es geht jetzt darum, dass wir uns nicht unterkriegen lassen.“ Die Diskussion um Flüchtlinge in Deutschland werde heftiger, immer häufiger würden Asylbewerberheime angegriffen. „Wir müssen alle gemeinschaftlich darauf achten, dass das Klima des Zusammenlebens nicht beschädigt wird“, appellierte Roters.

          Gabriel warnt vor Radikalisierung

          Der SPD-Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel warnte in der „Rhein-Zeitung“ vor einem Erstarken des rechten Randes in Deutschland. „Das ist schockierend, weil es zeigt, dass in einem Teil der Gesellschaft die Radikalisierung zugenommen hat“, sagte er. „Man muss leider sagen, wenn solch eine Stimmung so wächst, dann gibt es Fanatiker, die sich selbst quasi als Vollstrecker des Volkswillens empfinden.“

          Die parteilose Reker wird von CDU, Grünen und FDP unterstützt und liegt laut einer jüngsten Umfrage vor ihrem SPD-Konkurrenten Jochen Ott. Sollte keiner der beiden eine absolute Mehrheit erringen, entscheidet am 8. November eine Stichwahl. Der Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann glaubt, dass Reker nach dem Angriff in der Wählergunst noch einmal zulegen kann. „Sie wird wohl einen tragischen Bonus bekommen“, sagte der Professor der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität im Westdeutschen Rundfunk. Allerdings sei Reker ohnehin die Favoritin gewesen, so dass die Wahl in ihrem Ausgang wohl nicht entscheidend verfälscht werde.

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