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Kochs Rückzug : Der Plan, der Tag, die Tat

  • -Aktualisiert am

Vorerst lässt Koch einige Fragen der Journalisten offen - etwa welchen Aufgaben er sich nach dem Ende seiner politischen Karrriere widmen wird? Bild: Helmut Fricke; F.A.Z.

Roland Koch wollte die Bühne der Politik nicht als Getriebener oder als Randfigur verlassen. Sein überraschender Rückzug trägt die Handschrift des Regisseurs.

          Noch vor drei Wochen sorgte sich ein Abgeordneter der hessischen CDU-Fraktion, der Roland Koch seit Jahrzehnten kennt, dass der dienstälteste Ministerpräsident der Union wie andere Politiker den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören verpassen könnte. „Ich fürchte, er macht den gleichen Fehler wie Helmut Kohl, der 1998 noch einmal angetreten ist“. Seit Dienstagmorgen, 11 Uhr, hat dieser CDU-Mann eine große Sorge weniger.Den von bestürzt, überrascht bis gelassen reagierenden Mitgliedern der CDU-Fraktion verkündete Koch zu diesem Zeitpunkt im Saal 501 W des Wiesbadener Landtags seine „sehr persönliche“ Entscheidung, im Alter von 52 Jahren seinen bisherigen Beruf als Politiker aufzugeben und noch einmal ohne Netz und doppelten Boden einen „neuen Lebensabschnitt“ abseits von Kabinettssitzungen und Parteitagen zu gestalten.

          Thomas Holl

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online.

          Und er sagte später auch in seiner Rücktrittspressekonferenz im überfüllten Mediensaal der Staatskanzlei einen Satz, den Spitzenpolitiker wie Koch zwar gerne in Interviews verwenden, der ihnen aber besonders von Journalisten selten als wahrhaftig abgenommen wird: „Politik ist ein faszinierender Teil meines Lebens, aber Politik ist nicht mein Leben“. Es war dem spöttisch lächelnden Koch anzumerken, dass es ihm gefällt, all die professionellen, publizistischen Deuter seiner politischen Karriereplanung - sei es als angeblicher Kanzlerkandidat in Lauerstellung, Bundesfinanzminister oder EU-Kommissar - mit diesen nach einer Selbstinszenierung in Demut klingenden Sätzen in die Irre geschickt zu haben. „Wenn ich gesagt habe, Politik ist nur eine Aufgabe auf Zeit, haben Sie gesagt, lass den mal reden“.

          Viele, auch in seiner Partei, hatten zwar seit langem fest damit gerechnet, dass Koch nach elf Jahren im Amt, einer fast verlorenen Landtagswahl und einem Comeback nur mit Hilfe einer durch Wortbruch tief gefallenen SPD und eines auf 16,2 Prozent erstarkten Partners FDP der hessischen Politik vor der nächsten Landtagswahl 2014 den Rücken kehrt. Allerdings nicht zugunsten einer beruflichen Neuorientierung, einer „Auszeit zum Durchatmen und zur Rückkehr ins normale Leben.“

          Im Fokus der Medien: Roland Koch in der Wiesbadener Staatskanzlei

          Gerade in den vergangenen Wochen war von Berlin aus immer wieder das Gerücht zu hören, dass Koch den erkrankten Wolfgang Schäuble als Bundesfinanzminister beerben werde. Und die Forderungen Kochs just nach dem CDU-Wahldebakel in Nordrhein-Westfalen nach einer drastischen Sparpolitik „ohne Tabus“ gerade auch bei Ausgaben für Bildung und Familie ließen nicht auf einen Rückzug aus der Politik schließen. Aber vielleicht, so hieß es beim Koalitionspartner FDP, waren diese indirekten, aber deutlichen Attacken gegen die abwartende Politik der Bundeskanzlerin und Parteivorsitzenden Angela Merkel im Nachhinein auch ein Signal, dass Koch nach Jahren der Loyalität nichts mehr in Berlin zu verlieren oder gewinnen sah.

          Nur Wenige wussten von seinem dramatischen Schritt

          Und auch bis zu seinem Ausscheiden als Ministerpräsident am 31. August und als stellvertretender CDU-Bundesvorsitzender Ende November, will Koch nicht schweigen. Er werde sich auch in den kommenden Monaten „in aller Loyalität die Freiheit nehmen, uns gemeinsam nicht zu erlauben, Entscheidungen nur deshalb zu verweigern, weil wir Angst vor dem Echo haben“. Von seinem dramatischen Schritt informiert hatte Koch nur ganz wenige Freunde und politische Weggefährten. Bundeskanzlerin Angela Merkel und seiner Familie habe er von seinem Plan, aus der Politik auszuscheiden, schon vor mehr als einem Jahr erzählt.

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