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Koch in New York : Finanzfachmann, Außenpolitiker, Botschafter der Kanzlerin

  • -Aktualisiert am

Andenken: Koch überreicht Kissinger ein Trikot der Frankfurter Eintracht Bild: F.A.Z. - Helmut Fricke

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch ist zu Gast in den Vereinigten Staaten. Dort schlüpft er in die Rolle des Außenpolitikers, der gut zuhören kann, aber spricht auch als inoffizieller Botschafter der Kanzlerin.

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          Henry Kissinger hat die Lacher im Saal auf seiner Seite, als er seinem Freund Roland mit fränkischem Akzent empfiehlt, nach Amerika auszuwandern, wenn er in Deutschland keine Lust mehr auf Politik verspüre. „Hier können wir eine Persönlichkeit wie Dich brauchen.“ Der 84 Jahre alte frühere amerikanische Außenminister und Politikberater hat gerne das „Warming up“ für Roland Koch übernommen, der als hessischer Ministerpräsident nach New York gekommen ist, um bei einem Essen vor gut 300 amerikanischen Bankern, Fondsmanagern und Unternehmern den Finanzplatz Frankfurt als lohnenden Investitionsstandort zu präsentieren. Vielleicht fällt die Begrüßung auch deshalb so herzlich aus, weil Koch dem Fußballfan Kissinger am Morgen noch ein Trikot von Eintracht Frankfurt geschenkt hat.

          Thomas Holl

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online.

          Im altehrwürdigen University Club in Manhattan analysiert Koch dann in freier Rede und in gepflegtem Geschäftsenglisch die Turbulenzen auf den internationalen Finanzmärkten. Dabei beunruhigt den Wirtschaftsjuristen weniger die Krise auf dem amerikanischen Immobilienmarkt, die vor allem deutsche Banken getroffen hat. Für Koch ist es vielmehr der daraus entstandene Vertrauensverlust in die Finanzakteure, der nun zu einer Systemkrise zu werden drohe und den weiteren wirtschaftlichen Aufschwung gefährde: „Wer kann wem noch trauen?“ Es fehle an „Transparenz“ und einem „griffigen Instrumentarium“ zur Beherrschung und Vermeidung solcher Situationen auf einem globalen Finanzmarkt. „Wir müssen sicher sein, dass staatliche Banken mit öffentlichem Geld solche Krisen meistern können.“

          Kritik an der deutschen Haltung im Atomstreit mit Iran

          Bei der Veranstaltung der amerikanischen Handelskammer in Deutschland gibt Koch zugleich einen wohlwollenden Lagebericht zum Zustand der großen Koalition. Wie so oft in den vergangenen Monaten lobt der in dieser Passage als stellvertretender CDU-Bundesvorsitzender sprechende Koch Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihre Reformen „der kleinen Schritte in die richtige Richtung“. Die Koalition arbeite „relativ gut“ und das Bündnis mit den Sozialdemokraten werde die volle Legislaturperiode bis 2009 halten: „Da bin ich absolut sicher.“

          Die gut informierte Nachfrage eines amerikanischen Managers nach dem Positionspapier jüngerer Parteifreunde für eine Stärkung der konservativen Säule der Union nutzt Koch, um eine aus seiner Sicht notwendige Schärfung des Profils der CDU anzukündigen. „SPD und Union sind sich einig, eine Koalition nur auf begrenzte Zeit einzugehen.“ Die Union müsse nun ein Programm ausarbeiten, das die Unterschiede zur kollektivistisch denkenden SPD deutlich mache. Mit einem Programm, das stattdessen die Verantwortung des Einzelnen in den Vordergrund stelle, könne die Union 2009 die Wähler überzeugen: „Ich bin sicher, die Freiheit wird gewinnen.“

          Auf seiner vier Tage dauernden Reise in die Vereinigten Staaten wenige Monate vor der Landtagswahl sind solche Ausflüge in die Parteipolitik aber die Ausnahme. Lieber schlüpft Koch bei seinen vielen Terminen und Gesprächen in die Rolle des Außenpolitikers, der gut zuhören kann, aber auch als inoffizieller Botschafter der Kanzlerin den amerikanischen Freunden deutsche Positionen zum weiteren Vorgehen bei den Krisenherden Irak, Iran und Afghanistan erläutert. Scharfe Kritik an der angeblich zu nachgiebigen deutschen Haltung im Atomstreit mit Iran muss sich Koch beim Treffen mit Vertretern jüdischer Gemeinden in der Park-East-Side-Synagoge anhören, wie er hinterher berichtet.

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