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Grüne Koalitionsgedanken : Gute Zahlen und dennoch enttäuscht

Ergrünt: Schulze und Hartmann Bild: dpa

Die Grünen sahen sich schon in einer Koalition mit der CSU, im Wahlergebnis erkennen sie einen „Gestaltungsauftrag“ in Bayern – umso enttäuschter sind sie, dass die CSU lieber mit anderen koalieren will.

          So voll ist es selten in der Parteizentrale der Grünen in der Münchner Innenstadt. Die beiden Spitzenkandidaten Katharina Schulze und Ludwig Hartmann müssen sich in den dicht gefüllten Presseraum quetschen. Sie sind gekommen, um ihren Erfolg zu erklären – und greifen gleich zu Superlativen. Von einer Zeitenwende spricht Hartmann, die da am Sonntag eingeleitet worden sei. „Bayern ist gestern ergrünt.“ Allein in München haben die Grünen fünf von neun Direktmandaten gewonnen, ein weiteres bekamen sie in Würzburg. In München-Mitte war Hartmann selbst angetreten und landete mit 44 Prozent fast 30 Prozentpunkte vor dem Zweitplazierten. Schulze setzte sich im Münchener Norden immerhin mit 34 Prozent ebenfalls durch. In der traditionell roten Landeshauptstadt sind die Grünen nun stärkste Kraft.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Fast noch wichtiger für die Partei ist aber, dass sie auch auf dem Land außerhalb der grünen Großstadtmilieus punkten konnte, wo sie sich bisher immer schwergetan hatte. Im Münchener Umland liegt sie größtenteils bei Werten von 20 bis 25 Prozent, im gesamten Alpenvorland und in Teilen Frankens über 15 Prozent. „Wir haben im Schnitt 15 Prozent in allen kleineren Gemeinden“, sagt Schulze. „Das zeigt sehr deutlich: Wir Grünen sind in allen Bereichen gewachsen und haben Stimmen aus den verschiedensten Lagern geholt.“
          Die Stärke auf dem Land begründet Hartmann mit einem gestiegenen Umweltbewusstsein. „Die Menschen in Bayern wissen, dass man nicht immer weiter Gift auf die Äcker bringen kann und dass wir einen Artenschwund haben, wenn Allerweltsvogelarten und selbst der Igel vom Aussterben bedroht sind.“ Dazu der Bau von immer neuen Gewerbegebieten und Umgehungsstraßen, die Ortskerne veröden ließen. „Die Menschen“, sagt Hartmann, wüssten ganz genau, „dass es da eine andere Politik braucht“.

          Doch Hartmann weiß bei aller Euphorie auch, dass die Chancen auf eine aktive Rolle trotz des historischen Wahlergebnisses gering sind. Die CSU verspürt wenig Lust auf das waghalsige Projekt einer schwarz-grünen Koalition in Bayern, zumal die inhaltlich viel näheren Freien Wähler längst bereitstehen. Dennoch macht Hartmann keinen Hehl daraus, wie gerne er mitregiert hätte, selbst an der Seite von Ministerpräsident Markus Söder. Es spricht von der Chance, „das Beste aus beiden Welten zusammenzubringen“, Ökologie und Ökonomie. „Ich hätte das für eine ganz spannende Aufgabe gehalten.“
          Auch die Grünen im Bund wollen am Montag nichts von Erleichterung darüber wissen, dass ihnen die schwierigen Koalitionsverhandlungen mit der CSU nun wohl erspart bleiben. Der Parteivorsitzende Robert Habeck sagt, er sei „auf eine Art demokratisch enttäuscht“. Natürlich wären die Gespräche mit der CSU schmerzlich geworden, „aber wir werden gewählt, um nicht den Schmerzen auszuweichen“. Habeck deutet das Wahlergebnis als „Gestaltungsauftrag“, „nicht um der Macht willen, sondern um der Veränderung willen“. Der CSU fehle es aber offenkundig an Bereitschaft zu der nötigen Veränderung. Auch der Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Anton Hofreiter, klagt, Söder wolle den Auftrag zu einem Politikwechsel nicht annehmen.

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