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Wie bürgerlich ist die AfD? : Die schizophrene Partei

Als die AfD mit Professoren an Bord noch bürgerlich war: Der damalige AfD-Vorsitzende Bernd Lucke (r), am 22. Mai 2015 während einer Pressekonferenz im Stadtschloss Potsdam. Links steht der heutige AfD-Bundestagsfraktionsvorsitzende Alexander Gauland. Bild: dpa

Eine Partei, die sich im Laufe der Jahre verbürgerlicht, gilt in Deutschland als Happy-End der Geschichte. Aber wie soll sich die AfD verbürgerlichen, wenn sie nicht Teil einer „bürgerlichen Koalition“ mit der CDU sein darf?

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          Ein wenig spießbürgerlich war die deutsche Öffentlichkeit in jüngerer Zeit schon öfter. Aber das ist dann doch das unübertroffene Spitzendeckchen auf dem Wohnzimmertisch des Mainstreams: Die unbeholfene Bemerkung einer Fernseh-Moderatorin über eine mögliche „bürgerliche“ Koalition aus CDU und AfD ruft empörte Reaktionen hervor. Man glaubt es kaum: Der Chefredakteur des Senders, für den die Moderatorin arbeitet, entschuldigt sich für den „Versprecher“. Und der Generalsekretär einer Partei, die zu Willy Brandts Tagen noch aufgeheult hätte, wäre sie als „bürgerlich“ bezeichnet worden, sagt im Zentralorgan der Bourgeoisie: „Das geht auf gar keinen Fall.“ Bürgerlich – ist das nun wieder ein politischer Ehrentitel, der nicht angetastet werden darf?

          Die neue Definition von bürgerlich muss wohl heißen: alle, außer der AfD. Das ist dann doch etwas zu einfach, schien doch der Traum des Liberalismus fast schon in Erfüllung gegangen zu sein. Denn auch er wollte einmal, lang, lang ist’s her, die klassenlose Gesellschaft, nur eben als Bürgergesellschaft. Im Westen schien ihm das tatsächlich gelungen zu sein, ist doch dessen Sozialgeschichte seit den Tagen des 19. Jahrhunderts eine Geschichte der Verbürgerlichung. Die ging so weit, dass es das „Bürgertum“ schon gar nicht mehr braucht, wo doch alle irgendwie Bürger sind.* Von „Zivilgesellschaft“ wird in Deutschland gesprochen, wo man früher von „bürgerlicher Gesellschaft“ sprach.

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