https://www.faz.net/-gpf-725vq

Klöster in Oberschwaben : Mehr Demographie wagen

„Wir sind der Gesellschaft voraus“: Franziskanerinnen beim Teezupfen im Kloster Reute Bild: Andreas Müller

In den Konventen steht die Alterspyramide auf dem Kopf. Die einen Orden kommen damit zurecht - andere müssen auch traditionsreiche Orte aufgeben. Ein Besuch im an Klöstern reichen Oberschwaben.

          6 Min.

          Aus dem Kapitelsaal entweicht ein muffiger Geruch. Die Sonne hat das Dach aufgeheizt. Die Fenster sind fest verschlossen. Johann Gratwohl hält einen schweren Schlüsselbund in der Hand. Dreißig Jahre war er Hausmeister der Abtei Weingarten. Die Mönche gaben ihm kunsthistorische Bücher über das oberschwäbische Klosterleben, sprachen mit ihm über den Glauben. Gratwohl reparierte Lichtschalter und die Wasserhähne. Seit zwei Jahren ist es einsam geworden auf dem Martinsberg in Weingarten. „Es gab eine kleine Feier, dann wurde es still“, sagt Gratwohl im harten oberschwäbischen Dialekt.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Pater Thomas ging nach Biberach, Abt Lukas nach Mariazell. Frater Michael trat in das Kloster Beuron ein, dort ist auch Pater Pirmin. Pater Nicholas lebt in einem Augsburger Kloster. Pater Anselm wählte das Altersheim. Sie waren die sechs Benediktiner, die von einer großen Tradition übriggeblieben waren. Es fehlte der Nachwuchs. Männerorden haben größere Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden, als Frauenordnen. In Weingarten soll es innerhalb der Ordensgemeinschaft über Jahrzehnte „innere Verwerfungen“ gegeben haben, schon lange bevor die sechs Mönche schließlich den Beschluss zur Auflösung fassten. Kirchenrechtlich wird es die Abtei Weingarten noch hundert Jahre geben.

          Einst das geistliche Zentrum Oberschwabens

          An der Stirnseite des Kapitelsaals ist der Schattenriss des Kruzifixes zu sehen, an der Decke hängen noch acht Pendelleuchten. „Die haben das regelrecht entbeint“, sagt Stadtpfarrer Ekkehard Schmid. Das ehemalige Refektorium ist mit Stellwänden verbarrikadiert. In der kleinen Hauskapelle erinnert nur ein kleines Weihwassergefäß noch an die ursprüngliche Bestimmung des Raumes. Etwas schmuckvoller wirkt das ehemalige Gästezimmer des Bischofs mit seiner stuckverzierten rötlichen Zimmerdecke.

          1056 gründeten die Welfen das Kloster als ihre Hausabtei, 1274 wurde es reichsunmittelbar. Bis zu 160 Benediktiner lebten nach der Regel des heiligen Benedikt in der oberschwäbischen Stadt, schauten vom Martinsberg ins Schussental.

          Schattenriss auf der Wand einer leeren Kapelle, den ein abgenommenes Kreuz im Kloster Weingarten hinterlassen hat
          Schattenriss auf der Wand einer leeren Kapelle, den ein abgenommenes Kreuz im Kloster Weingarten hinterlassen hat : Bild: Andreas Müller

          Weingarten ist kein beliebiger Klosterstandort. Die nördlich von Ravensburg gelegene Stadt mit 23000 Einwohnern galt über Jahrhunderte als das geistliche Zentrum Oberschwabens. Die Basilika auf dem Martinsberg ist eine der größten Barockkirchen nördlich der Alpen. Zwiefalten und Wieblingen haben ebenfalls nur noch Pfarreien, auf der Insel Reichenau, einst mit St. Gallen eine Keimzelle des Benediktinerordens, gibt es seit 2004 wieder eine „Cella St. Benedikt“, in der zwei Mönche geistliches Leben aufrechterhalten.

          Insofern war die Emigration der Weingartener Mönche für die Region ein Zeichen. Innerhalb von tausend Jahren hatten die Benediktinermönche nur während einer relativ überschaubaren Zeitspanne nichts zum Leben der Stadt beigetragen: Im Zuge der Säkularisierung wurde das Kloster 1803 aufgelöst, einige Jahrzehnte nutzten es die württembergischen Könige als Jagdschloss und als Kaserne. 1922 zogen die Mönche dann wieder auf den Martinsberg. Sie blieben dort bis zum Oktober 2010. Oberbürgermeister Markus Ewald spricht von einer Zäsur, tröstend sei aber, dass „die Segenwirkung des Heiligen Blutes und unseres Blutritts auch ohne klösterliches Leben untrennbar mit Weingarten“ verbunden sei.

          Weitere Themen

          Bidens radikale Abkehr von Trumps Kurs

          „Executive Orders“ : Bidens radikale Abkehr von Trumps Kurs

          Der neue amerikanische Präsident ordnet schon kurz nach Amtsantritt eine Rückkehr der Vereinigten Staaten zum Pariser Klimaabkommen und zur WHO an. Auch hebt er Einreiseverbote auf und stoppt den Mauerbau zu Mexiko. Insgesamt unterschreibt er 17 Dekrete.

          „Das war Bidens kraftvollste Rede“ Video-Seite öffnen

          Neuer Präsident vereidigt : „Das war Bidens kraftvollste Rede“

          Joe Biden ist der 46. Präsident der Vereinigten Staaten. Biden sei kein Wunderheiler, sagt Amerika-Experte Klaus-Dieter Frankenberger. Aber er habe in seiner Antrittsrede eindrucksvoll klar gemacht, dass er das Land wieder vereinen wolle. Ein Videokommentar.

          Topmeldungen

          „Executive Orders“ : Bidens radikale Abkehr von Trumps Kurs

          Der neue amerikanische Präsident ordnet schon kurz nach Amtsantritt eine Rückkehr der Vereinigten Staaten zum Pariser Klimaabkommen und zur WHO an. Auch hebt er Einreiseverbote auf und stoppt den Mauerbau zu Mexiko. Insgesamt unterschreibt er 17 Dekrete.
          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 20. Januar in Berlin

          Grenzkontrollen in der EU : Brüssel hat Merkels Warnschuss gehört

          Die Bundeskanzlerin droht angesichts der schnellen Verbreitung der neuen Virusvariante mit Grenzkontrollen. Sie will in der EU eine Testpflicht für Pendler aus Hochrisikogebieten durchsetzen. Diese Gebiete müssten aber erst einmal definiert werden.

          Nawalnyjs Blockbuster : Der Held kämpft in der Zelle

          Am orthodoxen Epiphaniasfest taucht auch Putin im Eiswasser unter, wie es Gläubige tun, um ihre Sünden abzuwaschen. Ist die Farbe seiner Badehose eine Anspielung auf Alexej Nawalnyj? Der Kremlkritiker inszeniert einen lebensgefährlichen Blockbuster.
          Die Burg Hohenzollern bei Bisingen (Baden-Württemberg)

          Hohenzollern-Ansprüche : Freispruch oder Klage

          Eigentlich ganz einfach: Der Kulturausschuss in Potsdam berät über die Hohenzollern-Ansprüche. Doch während die einen zum Verhandlungsstand vom Dezember 2018 zurückkehren wollen, haben andere genug vom Reden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.