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Bauern in Not : So trocken wie noch nie

Moderne Technik: Mähdrescher im Einsatz Bild: Verena Müller

Seit vielen Wochen hat es in Baden-Württemberg wenig geregnet. Die Böden sind ausgetrocknet, Bewässern ist verboten. Das führt zu Ernteausfällen – und großen Sorgen bei den Bauern. Zu Besuch auf einem Hof in Kupferzell.

          6 Min.

          Man muss nicht Agraringenieur sein, um die Dürreschäden auf den Maisfeldern von Jürgen Maurer zu sehen. Auf der linken Seite des Feldwegs sind die Maisstängel 2,5 bis drei Meter hoch, auf der rechten Seite höchstens 1,20 Meter. Bauer Maurer ist gerade auf dem Weg zu den Mähdreschern, am späten Nachmittag soll geerntet werden.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Maurer steigt aus dem Auto und pflückt einen Maiskolben, pult ihn auf und zeigt auf die Spitze: „Sie sehen, der Kolben ist hier kümmerlich gewachsen, die Maiskörner sind kleiner.“ Dann schält er noch die braunen Blätter vom Maisstängel – auch das ein klares Zeichen für den Wassermangel in den Böden. „Wir hatten Anfang Juni 25 bis 30 Grad Celsius, da hätten wir mehr Regen benötigt. Die Pflanzen gehen dann schnell in die Notreife“, sagt Maurer.

          Der 48 Jahre alte Landwirt muss das Maisfeld wahrscheinlich schon Ende August abernten, weil die Pflanzen verkümmern und nicht mehr wachsen. Für eine Bewässerung fehlt die Technik, rechtlich ist sie sowieso nicht möglich. Das könnte sich ändern, wenn sich die Klimakrise für die Landwirtschaft verschärft – das Bundeslandwirtschaftsministerium und das Bundesumweltministerium erarbeiten gerade mit einer gemeinsamen Arbeitsgruppe Lösungen, um den Zielkonflikt zwischen Wasserknappheit und steigendem Bewässerungsbedarf zu lösen. Die Landwirtschaft nutzt nur 1,4 Prozent des Frischwassers; der Bergbau und das verarbeitende Gewerbe verbrauchen 24 Prozent. Hier ließe sich etwas verändern.

          „Die Mäher sind in Lauerstellung“

          Maurer bewirtschaftet 180 Hektar, pflanzt Gerste, Weizen, Mais und hält 700 Schweine. Kupferzell liegt in der Region Hohenlohe, ein Gebiet zwischen Künzelsau und Schwäbisch Hall, das schon vor der Eingliederung in das ehemalige Königreich Württemberg im 19. Jahrhundert als fruchtbare Kornkammer galt. Bis heute sind die landwirtschaftlichen Betriebe hier im Durchschnitt größer und wohlhabender als auf der Schwäbischen Alb. Auch Joachim Rukwied, der Präsident des Bauernverbandes, bewirtschaftet in dieser Region einen Betrieb. Die Lösslehm- und Keuper-Böden garantieren gute Erträge. Die Maurers führen ihren Betrieb in vierter Generation, sie sind Teil des bundesweiten Programms „FRANZ“ zur Sicherung des Artenschutzes.

          Kabine klimatisiert, Boden ausgedörrt: Landwirt Küstner bei der Ernte des Winterweizens im Juli
          Kabine klimatisiert, Boden ausgedörrt: Landwirt Küstner bei der Ernte des Winterweizens im Juli : Bild: Verena Müller

          In einem Zeitraum von zehn Jahren soll in Musterbetrieben versucht werden, mit Schwarzbrachen, Blühstreifen und extensiven Getreidesorten die Artenvielfalt zu sichern. Doch der weltweite Getreidemangel durch den Ukrainekrieg, die Ertragsverluste durch Dürre und Klimawandel stellen das Projekt gerade infrage. Ein weiterer Ertragsrückgang von 30 oder 70 Prozent lässt sich in der derzeitigen Situation schwer verkraften. Es sei jetzt wichtiger, meint Maurer, Ernährungssicherheit herzustellen und Brachflächen zu bewirtschaften, mit einem zwei oder drei Jahre dauernden Moratorium würde man der Biodiversität nicht so stark schaden.

          In der hügeligen Landschaft parken zwei moderne Mähdrescher, GPS-gesteuert und mit klimatisierter Fahrerkabine, auf den Feldwegen, daneben die Traktoren mit den Kippanhängern zum Abtransport des Getreides. „Die Mäher sind in Lauerstellung, wir warten vielleicht noch eine Stunde, bis der Winterweizen so trocken ist, dass wir mähen können“, sagt Maurer. Es ist 16 Uhr, seine Kollegen Joel und Lukas Küstner sind auch zur Ernte aufs Feld gekommen. Ihr Mähdrescher zieht schon seine Bahnen über das Weizenfeld. Der 31 Jahre alte Agraringenieur bewirtschaftet mit seinem 30 Jahre alten Bruder, einem Landwirtschaftsmeister, rund 400 Hektar. Auch die Küstners rechnen in diesem Jahr mit einer deutlichen Ertragsminderung durch die zu geringen Niederschlagsmengen und die anhaltende Dürre.

          Notreife: Bauer Maurer zeigt Maiskolben.
          Notreife: Bauer Maurer zeigt Maiskolben. : Bild: Verena Müller

          „Bei geerntetem Weizen habe ich in diesem Jahr eine Restfeuchte von 8,5 Prozent gemessen. Das gab es hier noch nie“, sagt Küstner. Der Weizen ist dann 14 Prozent leichter, entsprechend weniger kann er beim Großhändler abrechnen. „Normal ist eine Restfeuchte von 12 oder 13 Prozent. Unser Problem ist die ungleiche Niederschlagsverteilung über das Jahr hinweg.“ Die Landwirte sprechen, wenn es um die Feuchtigkeit der Ackerböden geht, von der „nutzbaren Feldkapazität“, also der gespeicherten Wassermenge, die für die Pflanzen nutzbar ist. Wenn der November zum Beispiel regenreich ist, ist die nutzbare Feldkapazität im darauffolgenden Frühjahr logischerweise höher. „Zu lange Trockenperioden“, sagt Maurer, „lassen sich nicht kompensieren. Ich bräuchte alle 14 Tage 25 Liter Regen, hier hat es aber sieben Wochen manchmal gar nicht mehr geregnet.“

          Vom Gewicht und der Qualität des Getreides hängt der Preis ab. Pro Tonne bekommen Küstner und Maurer derzeit 320 Euro. „Wenn zu wenig Wasser im Boden ist, nehmen Qualität und Proteingehalt der Weizenkörner deutlich ab. Denn bei Trockenheit lösen sich Ammoniak und Nitrat schlecht im Boden. Dem Weizen fehlen dann Nährstoffe für gutes Wachstum“, sagt Maurer. Der Bauer lagert in einer neuen Halle 500 Tonnen Dinkel und Weizen. Die Halle hatte er eigentlich für die Schweinemast geplant, dann verunsicherten ihn die Ankündigungen über die Haltungsvorschriften zur Verbesserung des Tierwohls. Angesichts der komplizierten Welt- und Gesetzeslage müsse man heute als Bauer ein guter Analyst sein, sagt Lukas Küstner. Vieles hänge vom „richtigen Vermarktungszeitraum“ ab.

          Umsatzausfall von 50.000 Euro pro Jahr

          Die Dürreschäden auf den Hohenloher Äckern sind allgegenwärtig. Auf fast allen Gemarkungen sind Gerste, Weizen und der Mais ungleich hoch gewachsen, in den hellgelben Getreidefeldern und in den hellgrünen Maisfeldern sieht man schon von Weitem Dellen, wo die Pflanzen zu niedrig und ungleichmäßig wachsen. Auch die Grünbachflächen haben gelbe Flecken. Die Bauernfamilien Küstner und Maurer rechnen mit einer Ertragsminderung von zwanzig Prozent, für Maurer sind das pro Jahr 50.000 Euro Umsatzausfall.

          Laut Berechnungen des Deutschen Bauernverbandes werden die Landwirte zwischen Flensburg und Konstanz in diesem Jahr etwa 41,2 Millionen Tonnen Getreide ernten, das wären drei Prozent weniger als 2021. Auf den Karten des Deutschen Wetterdienstes sind – abgesehen vom Norden Schleswig-Holsteins und von den an den Bodensee grenzenden Anbaugebieten – alle landwirtschaftlichen Anbauflächen gelb eingezeichnet, das heißt: zu trocken. Sie verfügen über weniger als die Hälfte der normalen Wasser-Feldkapazität.

          So trocken wie noch nie: Winterweizen-Ernte
          So trocken wie noch nie: Winterweizen-Ernte : Bild: Verena Müller

          Beim Winterweizen gibt es große Anbaugebiete in Rheinland-Pfalz, im Norden Bayerns und in der normalerweise fruchtbaren Region im Osten Niedersachsens und im Westen Sachsen-Anhalts, in denen dieser Getreideart weniger als die Hälfte des Wassers zur Verfügung steht, das die Pflanzen eigentlich bräuchten. Besonders groß ist der Wassermangel auch im Thüringer Becken, in Brandenburg und in der Region um Quedlinburg. Bauernverbandspräsident Rukwied nannte das Dürreproblem kürzlich einen „weiteren Mosaikstein negativer Ereignisse“.

          Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) besuchte den Verbandsfunktionär kürzlich in Hohenlohe. „Die Klimakrise hat das Risiko schwerer Dürren und Waldbrände in der ganzen Welt erhöht – und auch bei uns“, sagt Özdemir der F.A.Z. „In weiten Teilen der EU gilt derzeit die Dürre-Warnstufe, teilweise ist sogar der Dürre-Notstand ausgerufen worden. Wenig Wasser, große Hitze – das senkt auch die Ernteerträge und bedroht die globale Ernährungssicherung.“ Man könne aber nicht eine Krise lösen, indem man eine andere verschärfe. „Wir müssen mit den Treibhausgasemissionen runter und uns jetzt schon Gedanken machen, wie wir unsere Landwirtschaft an die absehbaren Klimafolgen anpassen können.“

          Leiden unter Dürre: Die Landwirte Jürgen Maurer, Joel Küstner und Lukas Küstner
          Leiden unter Dürre: Die Landwirte Jürgen Maurer, Joel Küstner und Lukas Küstner : Bild: Verena Müller

          Die Frage ist jetzt, ob und wie sich die Folgen der Erderwärmung symptomatisch in den ländlichen Kulturlandschaften überhaupt abschwächen lassen, welche Instrumente es für die Bauern gibt. Hier deuten sich nahezu unlösbare Zielkonflikte zwischen Wasser-, Klima-, Artenschutz auf der einen Seite und Maßnahmen zur Sicherung hoher Erträge auf der anderen Seite an. Die Bauern sehen in einer Bewässerung ihrer Äcker durchaus eine Lösung, die baden-württembergische Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) stellte erst in der vergangenen Woche Pläne vor, ein „Niedrigwasser-Informationszentrum“ aufzubauen, um den Wassermangel künftig „stringenter zu managen“ – es muss Wasser gespart werden.

          Widersprüche zwischen Artenvielfalt, Ernährungssicherheit und Wirtschaftlichkeit

          Einige Landwirte würden auch gern die Bodenbearbeitung ändern, also weniger mit dem Pflug über die ­Felder fahren, denn je weniger verdichtet die Böden sind, desto mehr Wasser können sie aufnehmen. Dann müssten sie aber wieder mehr Pflanzenschutzmittel einsetzen, was dem Artenschutz wahrscheinlich abträglich ist. Auch die Züchtung von trockenresistenten Weizen- oder Maissorten mit moderner Gen-Schere-Technik (Crispr-Cas-Methode) könnte eine Lösung sein. Die Grünen sind da skeptisch, ihnen wären als schnelle Maßnahme Wassersammelbecken lieber.

          Özdemir sagt, bis die Gen-Schere-Technik in der Pflanzenzüchtung gute Ergebnisse hervorbringe, könne es noch zehn Jahre dauern. „Ob das dann tatsächlich nützt, was es kosten wird, kann noch keiner mit Sicherheit sagen. Vor allem: Was ist mit der Zeit bis dahin? Brauchen wir das noch, wenn wir nicht mehr so viel Getreide im Tank und im Trog versenken? Wenn wir Bauern im globalen Süden stärken und Ernteverluste dort reduzieren?“, fragt der Minister.

          „Wir produzieren dann Gemüse, das der Handel nicht will“

          „Manche Widersprüche zwischen Artenschutz, Wirtschaftlichkeit und Ernährungssicherheit“, sagt Bauer Maurer, „lassen sich im Moment schwer lösen.“ Der Hohenlohekreis habe wegen der Dürre gerade ein Bewässerungsverbot beschlossen. „Wir produzieren dann Gemüse, das der Handel nicht will, es wird dann aus Ägypten eingeflogen.“ Da bekomme er Zweifel, ob damit dem Klimaschutz gedient sei.

          Wächst nicht weiter: Mais in Kupferzell
          Wächst nicht weiter: Mais in Kupferzell : Bild: Verena Müller

          Der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) hält, anders als Özdemir, die Entscheidung der EU, Umweltregeln für Landwirte – wie die Fruchtfolgeregeln und Stilllegungen von Ackerflächen – zu lockern, für ein richtiges Signal. Als „zeitlose Maßnahme gegen starke Ertragsschwankungen“ müssten die Landwirte auf unterschiedliche Ackerkulturen setzen, das sei die notwendige Risikostreuung, da bei der Aussaatplanung schlicht nicht bekannt sei, wie der Witterungsverlauf sein werde.

          Der Krieg Russlands gegen die Ukraine führt nicht nur zu starken Preisschwankungen am Getreidemarkt. Die Bürger kaufen auch preisbewusster ein. Im Hofsupermarkt der „Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall“ im nahen Wolpertshausen ist an diesem Julitag im Restaurant nur ein Tisch besetzt, an den Theken wartet das Bedienpersonal auf Kunden.

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          F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Wo Europas Dürre-Hotspots entstehen Bild: Johannes Thielen

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