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Forderungen zum Klimaschutz : Können Zertifikate den Flächenfraß aufhalten?

Ein Bagger baggert. Im Hintergrund Sachsen-Anhalt. Bild: ZB

Klimafachleute wollen verhindern, dass Deutschland unter Beton verschwindet. Der Handel mit sogenannten Flächenzertifikaten soll die Natur schützen – und dazu beitragen, dass die Klimaziele erreicht werden können.

          3 Min.

          Um den Klimawandel zu bremsen, muss Deutschland aufhören, seine Landschaft zuzubauen. Wissenschaftler sowie Politiker von Grünen und SPD schlagen deshalb ein System von frei handelbaren Baulizenzen mit stetig sinkender Obergrenze vor, das dem bestehenden Handel mit CO2-Emissionsrechten ähnelt. Begründung: Freie Flächen, vor allem Wälder und Moore, können Treibhausgase aufnehmen und müssen deshalb geschützt werden.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nach  Ansicht von Ottmar Edenhofer, dem Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, ist Boden daher „weltweit eine absolute Schlüsselfrage beim Klimaschutz im 21. Jahrhundert“. Zertifikate zur Bodennutzung könnten helfen, „den Flächenverbrauch einzuhegen“. Auch Michael Voigtländer vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft sieht hier „ein cleveres Instrument, um den Flächenverbrauch in Deutschland zielsicher zu begrenzen und das Klima zu schützen“.

          Der Weltklimarat IPCC hat darauf hingewiesen, dass Flächen von der Größe der Vereinigten Staaten global aufgeforstet werden müssten, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Zusätzlich seien Felder von der Größe Australiens nötig, um Energiepflanzen für Bio-Kraftstoff anzubauen. Die EU-Kommission hat deshalb schon 2011 verlangt, die Versiegelung von Flächen nach 2020 auf Null zu verringern. Die Vereinten Nationen haben die selbe Forderung 2015 zu einem globalen Nachhaltigkeitsziel erklärt.

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          Deutschland aber hinkt hinterher. Die  Bundesregierung hat zwar schon 2002 beschlossen, den Flächenverbrauch bis 2020 auf 30 Hektar pro Tag zu begrenzen, doch 2018 lag der Wert  nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) immer noch bei 56 Hektar. Das entspricht jedes Jahr der Fläche von Hannover. Angesichts dieses Scheiterns ist das Ziel mittlerweile korrigiert worden. Jetzt will Deutschland die 30 Hektar pro Tag erst 2030 erreichen.
          Wie der Flächenfraß gestoppt werden kann, hat das UBA in einem Modellversuch mit 87 Kommunen erprobt. Jeder Gemeinde wurde ein begrenztes Flächenkontingent im Verhältnis zu ihrer Bevölkerungszahl zugeteilt.

          Kommunen konnten Nutzungsrechte ansparen, indem sie zum Beispiel Innenstadtbrachen revitalisierten oder statt Parkplätzen Tiefgaragen anlegten. Sie konnten auch zusätzliche Zertifikate schaffen, wenn sie versiegelte Böden wieder begrünten. Bei Überschüssen konnten sie Baurechte über eine Flächenbörse an andere Kommunen verkaufen. Die Autoren der Studie kamen damals zu der Empfehlung, das System der Flächenzertifikate „schnell“ zu verwirklichen. Sie gaben in ihrem Abschlussbericht von 2019 aber auch zu bedenken, dass man mit „moderaten Bodenpreissteigerungen“ rechnen müsse.

          UBA-Präsident Dirk Messner sagt dazu jetzt, im durchgespielten Modell sei der Handel mit Flächenzertifikaten „erfolgreich“ gewesen. Offen bleibe allerdings, ob Länder und Kommunen bereit seien, diesen Weg zu gehen. Nach Ansicht des Wissenschaftlers Voigtländer hätte so ein System jedenfalls den Vorzug, dass Gemeinden wählen könnten, wo und was sie bauen wollen. Man brauche damit „keine Verbote von Einfamilienhäusern, weil die Kommunen selbst entscheiden können, ob sie bei Parkplätzen, bei Gewerbegebieten oder bei Wohngebieten Flächen sparen wollen“.

          Unterstützung bei Grünen und SPD

          Der Staatssekretär im Umweltministerium Jochen Flasbarth (SPD) teilte mit, so ein Konzept könne „den noch immer zu hohen Flächenverbrauch reduzieren“, wenn Länder und Kommunen das wollten. Für die Grünen sagte der bayerische Fraktionsvorsitzende Ludwig Hartmann, Zertifikatehandel sei „der richtige Weg“, um in Bayern den Flächenverbrauch zu senken. Allerdings müsse das System flexibel genug sein, um Sonderbedarfe zu berücksichtigen – zum Beispiel, wenn eine kleine Gemeinde wie Garching große Flächen für wichtige Forschungseinrichtungen brauche. „Das Motto muss heißen: denken, bevor der Bagger kommt“.

          Hartmann glaubt außerdem, dass weniger Beton und Asphalt nicht nur dem Klima helfen werde, sondern auch der Landwirtschaft. „Gegenwärtig geht der Flächenverbrauch in Deutschland zum größten Teil auf Kosten von Ackerböden“, stellt er fest. Zugleich verlange man aber von deutschen Bauern, immer mehr für Klimaschutz und Artenvielfalt zu tun. „Wenn sie das leisten sollen, darf es nicht sein, dass immer mehr Flächen unter Parkplätzen und Umgehungsstraßen verschwinden.“ Die bayerischen Grünen haben deshalb auch schon einen entsprechenden Gesetzentwurf in den Landtag eingebracht. Darin heißt es, in den zurückliegenden zwanzig Jahren sei in Bayern die Fläche von etwa 8200 Höfen zugebaut worden. Dadurch seien die Pachtpreise für die  Bauern gestiegen.

          Auch außerhalb Bayerns sehen viele Grüne das ähnlich. Die baden-württembergische Landesvorsitzende Sandra Detzer teilt mit, sie wolle „in Modellregionen handelbare Flächenausweisungszertifikate erproben“, und in Schleswig-Holstein nennt der grüne Umweltminister Jan Philipp Albrecht so ein System einen „interessanten Ansatz, um den Flächenverbrauch zu reduzieren“. Der stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag Oliver Krischer spricht von „einer Möglichkeit, die intensiv geprüft werden muss“. Kommunen dürften aber nicht überfordert werden.

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