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Klimaforscher über Sommerhitze : „Es gibt im Moment keinen Klimaschutz“

  • -Aktualisiert am

Folgen des extrem dürren Sommers: das ausgetrocknete Rheinufer in Düsseldorf Bild: dpa

Deutschland ist beim Klimaschutz nicht mehr glaubwürdig, sagt Klimaforscher Mojib Latif. Im Interview erklärt er, warum die Politik das Geschäft „mit den dicken Autos“ nicht gefährden will – und wie sie die Klimaziele doch noch erreichen kann.

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          Herr Latif, Sie sagen, dass die andauernde Hitze und Trockenheit in diesem Sommer ein Anzeichen für den Klimawandel ist. Was macht Deutschland denn gegen den Klimawandel?

          Ich hasse es selbst, es so deutlich zu sagen, aber es gibt im Moment keinen Klimaschutz. Alle reden darüber, aber wir haben totalen Stillstand in Deutschland. Unsere Emissionen verharren auf hohem Niveau. Ein Deutscher produziert pro Kopf etwa zehn Tonnen CO2 im Jahr. Ein Inder beispielsweise etwa zwei Tonnen CO2. Jetzt stellen Sie sich mal vor, über eine Milliarde Inder würden ihren Ausstoß dementsprechend erhöhen. Das wäre eine Katastrophe. Wir sind einfach nicht glaubwürdig. Die Bundesregierung hat großspurig angekündigt: Wir senken unseren Ausstoß von Treibhausgasen gegenüber 1990 um 40 Prozent bis 2020. Dann ist sie zurückgerudert und meinte, das sei nicht zu schaffen. Wie kommt denn das auf der internationalen Ebene an?

          Eine Studie des Frauenhofer-Instituts zeigt, dass dieses Ziel aber noch erreicht werden könnte – vorausgesetzt Braunkohlekraftwerke werden abgeschaltet. Für wie realistisch halten Sie das?

          Ob man sofort alle Braunkohlekraftwerke abschalten kann, ist schwer zu sagen. Im Falle des Festhaltens an der Braunkohle auf dem heutigen Niveau kann allerdings keines der deutschen Klimaziele erreicht werden.

          Warum fällt der Umstieg so schwer?

          Wir können nicht von heute auf morgen auf die fossilen Brennstoffe verzichten. Die Weltwirtschaft wird nicht in einem Jahr komplett umgebaut. Das System braucht Zeit zum Reagieren. Wir werden noch über Jahrzehnte Treibhausgase ausstoßen. Und die Emissionen werden, wie es derzeit aussieht, noch weiter steigen. Trotzdem passieren immer wieder unerwartete Dinge. Selbst wenn die Zahlen und Fakten eher ein pessimistisches Bild zeichnen, kann es auf einmal durch die technologische Entwicklung ganz schnell gehen. Dazu müssen wir aber langfristiger denken. Die Politik ist derzeit kurzfristig ausgelegt. Alles was kurzfristig gewinnbringend ist, wird gemacht. Gerade bei der Automobilindustrie wird das offensichtlich: Die Kanzlerin hat in den vergangenen Jahren in Brüssel immer interveniert, wenn in der EU schärfere Abgasregelungen eingeführt werden sollten.

          Der Klimaforscher Mojib Latif ist Leiter der Forschungseinheit Maritime Meteorologie am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.

          Wieso nimmt die Politik nicht die langfristigen Folgen in den Blick?

          Es muss sich auf drei Bereiche konzentriert werden: Energiewende, Verkehrswende und Agrarwende. Bei der Energiewende kommen wir nicht voran, weil die erneuerbaren Energien ausgebremst werden. Da spielen die Interessen der Energiekonzerne eine Rolle. Man darf nicht vergessen, viele Spitzenpolitiker gehen nach ihrer Amtszeit als Lobbyisten in die Energiewirtschaft. Bei der Verkehrswende haben wir komplett versagt. Auf den Diesel zu setzen, war ein großer Fehler. Wir haben es auch nicht geschafft, die Güter von der Straße auf die Schienen zu bekommen. Im Verkehrssektor steigen die Emissionen daher weiter, im Energiesektor sinken sie wenigstens. Und dann die Agrarwende: Die Methan-Emissionen in der Massentierhaltung sind zum Beispiel ein großes Problem. Die Agrarwirtschaft ist also nicht nur Leidtragende der aktuellen Dürreperiode, sondern auch Mitverursacher. Es sind immer diese kurzfristigen Interessen, sowohl bei der Politik, als auch bei der Wirtschaft. Das Geschäftsmodell mit den dicken Autos ist zu ertragreich. Das will keiner aufs Spiel setzen. Auch die Agrarlobby ist in Deutschland unheimlich stark. Die wählen alle CDU, deshalb traut sich auch niemand an die heran – zumindest nicht, so lange die CDU die Kanzlerin stellt.

          Der AfD-Politiker Alexander Gauland sagt, der Mensch könne ohnehin nichts gegen den Klimawandel tun, es habe schon immer starke Klimaschwankungen gegeben. Was sagen Sie dazu?

          Am Ende des Tages sind das die üblichen pseudowissenschaftlichen Thesen, die im Netz kursieren. Wir leben inzwischen eben in postfaktischen Zeiten. Das heißt, man kann jeden Mist ins Netz stellen und man findet immer Follower. Das ist nicht nur eine Gefahr für die Klimapolitik, sondern eine Gefahr für die Demokratie und die freiheitliche Grundordnung insgesamt. Es sind gefährlichen Zeiten und wenn die große schweigende Mehrheit nicht endlich aufsteht und sich dagegen wehrt, dann werden diese Leute irgendwann die Oberhand gewinnen. Und wir werden uns blöd angucken und fragen: Warum haben wir nichts getan?

          Bei all der Kritik – hat die Politik denn etwas getan?

          Einen Silberstreif am Horizont gibt es: Die erneuerbaren Energien. Durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz von 2000 hat Deutschland diese bezahlbar gemacht, so dass sie jetzt überall auf der Welt Anwendung finden. Ein Indikator dafür ist, dass heute schon mehr in erneuerbare als in konventionelle Energien investiert wird. Wenn wir es schaffen, diese Dynamiken noch weiter zu beschleunigen, hätten wir noch eine Chance, das Ziel vom Pariser Abkommen weltweit einzuhalten und die Erderwärmung tatsächlich auf zwei Grad zu begrenzen. Und wenn wir das schaffen, wird man vielleicht in ein paar Jahren sagen: Damals hat Deutschland den Stein ins Rollen gebracht.

          Was kann die Bundesregierung, neben der Förderung der erneuerbaren Energien, noch machen?

          Unkonventionelle Maßnahmen könnten helfen, wie den Energieverbrauch teurer zu machen. Wer viel verbraucht, muss mehr zahlen. Das würde natürlich sofort einen Sturm der Entrüstung auslösen. Wenn man die Gelder dann aber zielgerichtet einsetzen würde, beispielsweise für die Sanierung von Schulen, dann wird man viel mehr Einverständnis bekommen. Wir brauchen insgesamt eine Wertediskussion. Ich meine, kein Mensch braucht jeden Tag Fleisch oder ein dickes Auto. Das ist weder gut für die Umwelt, noch für die Gesundheit. Somit hätte man ja auf beiden Seiten etwas Positives getan. Ich glaube, das muss man immer wieder betonen: dass wir eigentlich nur gewinnen können. Aber irgendwie führen wir immer nur die Verzichts-Debatte. Wir brauchen auch eine Verhaltensänderung auf der Verbraucherseite. Insofern würde ich auch nicht sagen, dass nur die Politik schuld ist. Jeder Einzelne trägt Verantwortung.

          Könnte dieser extreme Sommer ein Auslöser für die überfällige Wertediskussion sein?

          Ich glaube nicht, dass das durch einen Sommer kommt. Dieser Sommer war schon extrem, der Zeitraum von April bis Juni war außergewöhnlich warm und trocken. Aber das wird schnell vergessen. Im Moment haben die Leute das Gefühl, das kommt und geht, das hat es ja schon immer gegeben. Damit spielen auch Politiker wie Gauland oder Trump: die Fakten negieren und das Gefühlsmäßige in den Vordergrund stellen. Aber wenn man sich die Messungen anschaut, dann kann man nicht bestreiten, dass die Hitzetage mit Temperaturen von mindestens 30 Grad bei uns immer weiter zunehmen werden. Doch weil wir noch am Anfang stehen, ist die Bedrohung noch nicht so präsent.

          Wenn Deutschland letztendlich seine komplette Klimapolitik umstellen würde und wir unser Klimaziel erreichen, vielleicht sogar noch mehr – wie viel bringt das dem Weltklima?

          Damit Deutschland eine Vorbildfunktion einnimmt, muss eine Bedingung erfüllt sein: der Wohlstand muss bleiben. Wenn andere Länder sehen, dass das geht, dann ist das ein Selbstläufer. Man muss es nüchtern betrachten: Die erneuerbaren Energien kosten nichts. Im Prinzip könnten Milliarden Euro eingespart werden. Sonne kostet nichts, Wind kostet nichts, Wasser kostet nichts. Diese Rohstoffe sind da, das wird oft gar nicht realisiert. Klar, man muss erst einmal investieren und das kostet. Aber wenn man den Menschen klarmachen würde, was sie gewinnen, würden wohl viele mitgehen, auch andere Staaten. Man kann das Klima nicht national schützen. Es ist egal, wo CO2 oder Methan rauskommen – ob in China, Amerika oder Deutschland. Diese Treibhausgase haben in der Atmosphäre eine Verweildauer von Jahrzehnten und verteilen sich. Deswegen ist es wirklich das typisch globale Problem: Das lösen wir alle gemeinsam, oder wir lösen es gar nicht.

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