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Kita-Streik : Mehr Personal statt mehr Geld!

  • -Aktualisiert am

Eine streikende Erzieherin während einer Demonstration in Stuttgart. Bild: dpa

Im nun drohenden unbefristeten Kita-Streik fordern die Gewerkschaften zehn Prozent mehr Lohn für Erzieher und Erzieherinnen. Doch der anspruchsvolle Beruf ist nicht mehr unterbezahlt. Mehr Personal für die Betreuung kleiner Kinder wäre wichtiger als höhere Gehälter.

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          Was ist die Betreuung von Kindern wert? Die Streiks der Gewerkschaften Verdi und GEW für eine bessere Entlohnung von Erzieherinnen werfen diese Frage auf. Mit Macht: Wenn die Kita plötzlich schließt, bringt das den Alltag der Eltern ins Wanken. Trotzdem haben die meisten Sympathie für das Streikziel - ganz im Gegensatz zu den Streiks der Piloten, über die selbst Besserverdiener den Kopf schütteln. Klar, Kinder sind ihren Eltern das Kostbarste. Ihre Förderung geht über alles. Und die meisten Eltern haben Hochachtung vor den Frauen, die sich freiwillig dem Geräuschpegel, den Fragen und Wehwehchen von 25 Kindern aussetzen - während sie selbst ihre eigenen schon anstrengend finden. Aber ist die Forderung auch berechtigt?

          Verdi will, dass Erzieher im Gruppendienst vier Gehaltsstufen höher eingruppiert werden. Berufseinsteiger würden dann statt 2367 Euro 2590 Euro verdienen. In der letzten Gehaltsstufe bekämen sie nach 15 Jahren im Beruf statt 3289 satte 3974 Euro. Das sind für Anfänger neun Prozent, für Berufserfahrene 20 Prozent mehr. Dagegen sind die Lokführer Waisenknaben. Sie wollen nur fünf Prozent mehr Lohn.

          Nicht, dass wir den Erzieherinnen das Geld nicht gönnten. Doch sie haben noch in diesem Jahr 2,4 Prozent mehr Lohn bekommen und im vergangenen Jahr drei Prozent mehr. 2009 wurde für die Sozial- und Erziehungsberufe eine eigene Entgelttabelle geschaffen, um zu kaschieren, dass sie inzwischen höher eingruppiert sind als Handwerker, Techniker und Feuerwehrleute im öffentlichen Dienst. Der Beruf der Erzieherin ist nicht mehr unterbezahlt. Jeder neunzehnte Erzieher ist inzwischen ein Mann. Es ist eine anspruchsvolle Profession mit einer dreijährigen Fachschulausbildung, die einem Bachelor-Studium ähnelt.

          Mehr Qualität in Kitas erreicht man nicht durch eine höhere Eingruppierung, sondern durch einen besseren Betreuungsschlüssel. Fachleute empfehlen, dass eine Erzieherin für drei Krippenkinder oder für sieben Kindergartenkinder da sein sollte. Dieses Verhältnis wird in keinem Bundesland erreicht. Für intensive Sprachförderung aber ist es unerlässlich. Eine wachsende Zahl von Flüchtlingskindern spricht kein Deutsch; der Kindergarten soll sie auf eine erfolgreiche Schullaufbahn vorbereiten. Zur Zeit arbeiten 530.000 Beschäftigte in Kitas, ein Drittel bei kommunalen Trägern und zwei Drittel bei kirchlichen oder privaten Trägern. Wollte man den empfohlenen Betreuungsschlüssel realisieren, müssten 120.000 Erzieherinnen zusätzlich eingestellt werden. In diese Richtung müsste das Geld fließen.

          Doch die Kommunen sind klamm. Schon rufen Wohlfahrtsverbände nach Unterstützung des Bundes für die Finanzierung von Kitas. Doch das dürfte nach hinten losgehen: Hat doch gerade erst das Bundesverfassungsgericht die Zuständigkeit des Bundes für das Betreuungsgeld in Frage gestellt. Für die Kita-Finanzierung müssen die Länder aufkommen, da gibt es kein Vertun. Nur beim Ausbau der U3-Betreuung vor der Einführung des Rechtsanspruchs hat der Bund ausnahmsweise geholfen. Vielerorts wurden die Elterngebühren abgeschafft. Das war falsch. Die Länder könnten sie wieder einführen. Davor haben Politiker Angst, sie halten es für unpopulär. Aber zu Unrecht. Die meisten Eltern würden für eine bessere Betreuung ihrer Kinder zahlen – ohne zu murren.

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