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Kirchentag in Stuttgart : Eine ganz „kluge“ Veranstaltung

Kirchenwegweiser – nicht nur im Stuttgarter Hauptbahnhof Bild: dpa

„Ende klug – alles klug“: Das ist das Motto des evangelischen Kirchentags, der am Mittwoch in Stuttgart beginnt. An gesellschaftlich und politisch kontroversen Themen wird es nicht fehlen - auch dank prominenter Redner.

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          Auf der Cannstatter Festwiese, wo es im Frühling und Herbst ziemlich bierselig und auf den Achterbahnen temporeich zugeht, ist seit ein paar Tagen eine große Bühne für Gottesdienste aufgebaut. Der Stuttgarter Neckarpark, der zwischen der Firmenzentrale von Daimler AG und der Innenstadt von Bad Cannstatt liegt, ist für fünf Tage eine Zeltstadt errichtet worden: 45.000 Quadratmeter groß. Zum vierten Mal findet der Evangelische Kirchentag in der baden-württembergischen Landeshauptstadt statt. In der Mercedes-Benz-Arena, in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle und in der Innenstadt werden 100.000 Dauergäste und noch einmal 25.000 Tagesgäste Gottesdienste Feiern, an Bibelarbeiten prominenter Theologen und Politiker teilnehmen, beten und auf den zahlreichen Foren über fast alle politisch sowie gesellschaftlich relevanten Themen diskutieren.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die Losung des Kirchentages lautet „Damit wir klug werden“. Das ist ein Halbsatz aus Psalm 90,12. Der gastgebende württembergische Landesbischof Frank Otfried July hatte schon vor einem Jahr zur Verklarung der biblischen Botschaft, die Übersetzung des hebräischen Urtextes herangezogen: „Unsere Tage zu zählen, das lehre uns, damit wir ein weises Herz erlangen“, heißt es dort. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, lautete dann die Übersetzung Martin Luthers. Es ist also die Mahnung, wie July in einer Predigt formulierte, „jeden einzelnen Tag als Gabe des guten Schöpfergottes“ wahrzunehmen. Fast alles soll nun klug sein auf diesem Kirchentag: die Außenpolitik, das Essen, die Wirtschaft. „Ende klug – alles klug“, ist denn auch tatsächlich der Titel eines ökumenischen Gottesdienstes am Donnerstag.

          Kofi Annan als Hauptredner

          Die großen Themenschwerpunkte sind „Frieden und Flüchtlinge“, „Wirtschaft und Werte“ sowie „Demokratie und Werte“, wobei die Veranstalter damit rechnen, dass das Thema  Frieden angesichts der politischen Situation im Nahen Osten, in Osteuropa und wegen der zunehmenden islamistischen Gewalt in der Welt wohl den größten Raum auf dem 35. Kirchentag einnehmen wird. Kirchentagspräsident Andreas Barner und Ellen Ueberschär rechnen mit einem regelrechten „Flüchtlings- und Friedenskirchentag“ in Stuttgart. 600 Seiten umfasst das Programm – besser ist es, sich auf der Kirchentags-App einen Überblick über das Angebot zu verschaffen.

          Große Aufmerksamkeit dürfte der Hauptvortrag „Die Welt ist aus den Fugen“ von Kofi Annan am Samstag finden, dem früheren Generalsekretär der Vereinten Nationen. Gut besucht dürfte angesichts der Diskussion über Geheimdienste und ihre parlamentarische Kontrolle auch das Hauptpodium „Big Data: Wer kontrolliert wen?“ sein, an dem Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) teilnehmen wird.

          Kontroverse Diskussionen über TTIP und Big Brother

          Politisch kontrovers könnte es auch am Freitag werden, wenn Heinrich Bedford-Strohm, der EKD-Ratsvorsitzende, und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) über „Big Brother, Big Business, Big Family TTIP und die transatlantische Wertegemeinschaft“ diskutieren. Auf großes Interesse dürften daneben die Vorträge des Bundespräsidenten Joachim Gauck und des Soziologen Hartmut Rosa stoßen. Das Thema lautet: „Gutes Leben. Kluges Leben“.

          Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) wird am Freitag auf einem Podium in der Fellbacher Schwabenlandhalle über das Verhältnis von Staat, Gesellschaft und Religion sprechen. Ein Thema, das Kretschmann seit Jahren beschäftigt. Auch das zwischen Kirchen und Politik kontrovers diskutierte Thema „Sexuelle Vielfalt“ sparen die Veranstalter des Kirchentages nicht aus: Unter dem Titel „Wir wollen nicht erduldet werden“ setzen der baden-württembergische Kultusminister Andreas Stoch (SPD) und Oberkirchenrat Werner Baur den Streit über sexuelle Identitäten fort. Lebhafte Debatten verspricht dazu das „Zentrum Gender“ mit neun Veranstaltungen über Sexualität, Alter und „Perspektiven geschlechterbewusster Theologie“. Hier ist mit Widerspruch, wenn nicht sogar mit Protesten von evangelikalen Christen zu rechnen.

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