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Kirchentag : Evangelisches Reformhaus

Abschlussgottesdienst mit Kirchentagspräsident Gerhard Robbers: „Fromm und politisch zugleich“ Bild: dpa

Nicht Konsens, vermeintliche Toleranz und eine diffuse Sprache, sondern Konflikt und Widersprüche machen den Kirchentag aus. Nur die Klarheit atmet die Freiheit.

          Alle zwei Jahre, kurz vor Pfingsten, werden die Protestanten entschädigt. Tätige Buße wird dann dafür geleistet, dass sich die Aufmerksamkeit in den 24 Monaten zuvor vor allem auf die katholische Konfession gerichtet hat. Die Zuschauer sehen dann in den Nachrichten also nicht Männer in purpurnen Gewändern, die über Marmorböden schreiten, sondern Leute mit Funktionsjacken und Kirchentagsschal, die auf Papphockern sitzen.

          Eine fesselnde Bildsprache besitzt der Kirchentag nicht. Der Reiz, den er für die Teilnehmer hat - es sind immer mehr als hunderttausend -, überträgt sich kaum auf den Zuschauer in der Ferne. Für den, der selbst nicht dabei ist, bleibt der Kirchentag spröde und verwirrend unübersichtlich.

          Das ist allerdings in gewisser Hinsicht das Prinzip des Kirchentags. Ein Prinzip, das eng mit den Grundentscheidungen des Protestantismus zusammenhängt. Da ist zum einen der Verzicht auf Einheit. Der „Markt der Möglichkeiten“ ist auf Kirchentagen dafür das augenfälligste Symbol. Unzählige Strömungen, Initiativen und Gruppierungen präsentieren sich hier, unter ihnen Richtiges und Wichtiges, aber auch Skurriles und Obskures. Die Grenze wird vermutlich jeder anders ziehen.

          Die protestantische Antwort auf die Wahrheitsfrage

          Ebendas gehört aber nicht nur zum Kirchentag, sondern zum Protestantismus insgesamt. Der Verzicht auf Autoritäten, die verbindlich entscheiden, wo die Grenzen verlaufen, führt unvermeidlich zu Unübersichtlichkeit. Aber ist das ein Mangel? Vielleicht bietet Vielfalt ja die beste Voraussetzung dafür, dass am Ende Wahrheit herauskommt. Das ist die protestantische Antwort auf die Wahrheitsfrage: Was wahr und richtig ist, soll nicht durchgesetzt werden, sondern es soll so überzeugend sein, dass es sich selbst durchsetzt.

          Zum Zweiten ist auch an Kirchentagen die karge Ästhetik durch und durch protestantisch. Wie der evangelische Kirchenbau seit der Reformation gemauerter Widerwille gegen das Ornamentale und Barocke war, so enthält auch hier der nüchterne Stil eine Botschaft: Es darf nicht äußerlich bleiben, was gründlicher, innerlicher Aneignung bedarf.

          Der geläufigste Vorwurf gegen den Kirchentag lautet, drittens, die Veranstaltungen seien durchpolitisiert. In den Hallen versammle sich ein Publikum, das sein gutes Gewissen stärke, indem es anderen moralische Vorhaltungen mache. Die als Erwiderung inzwischen reichlich abgenutzte Formel der Kirchentagsmacher, ihre Veranstaltung sei eben „fromm und politisch zugleich“, verdeckt allerdings eher, worum es geht, als dass sie es offenlegt. Denn der Protestantismus ist nicht per se politisch. Er neigt nur zu innerweltlicher Unruhe. Als Luther die Vorstellung hinweggefegt hatte, dass man den Armen mit Almosen ein Stück vom Himmel abkaufen könnte, stellten sich die Reformatoren sogleich die Frage, ob man nicht auch das ganze System sinnvoller gestalten könne. Sie schafften so nicht nur die Almosen ab, sondern das Betteln gleich mit und richteten stattdessen eine kommunale Sozialfürsorge ein.

          Fair Trade, ethische Finanzanlage und interreligiöser Dialog sind späte Kinder dieses innerweltlichen Reformgeistes. Erst über Kirchentage gewannen sie Popularität und Verbreitung. Der Kirchentag diente als gesellschaftliches Gewächs- und Reformhaus, in dem diese Bewegungen an Breite gewannen. Angesichts eingestürzter Fabrikhallen in Bangladesch, religiös aufgeladener Konflikte fast überall in der Welt sowie den Erfahrungen der Finanzkrise sollten diese Initiativen nicht mehr milde belächelt werden.

          Vielfalt, Nüchternheit und Tatkraft

          Die Trias aus Vielfalt, Nüchternheit und Tatkraft umreißt das Ideal des Kirchentags. Wie die evangelische Kirche unterliegt aber auch der Kirchentag gegenwärtig der Gefahr, dass diese Tugenden unter der Hand in ihr Gegenteil verkehrt werden. Auf dem Hamburger Kirchentag wird an mehreren Stellen deutlich, dass hier ein schleichender Prozess im Gang ist.

          An die Stelle der Vielfalt, die es erträgt, wenn Konflikte, Ambivalenzen und Unterschiede als solche benannt werden, tritt eine Form vermeintlicher Toleranz, die Widerspruch entweder nicht zulässt oder ihn überspielt. Kontroverse Debatten über die Euro-Rettung etwa sucht man im Programm vergebens. Manche Podien werden so konsensorientiert besetzt, dass nur freundliche Belanglosigkeiten ausgetauscht werden.

          Dissonanzlose Klangmatten, diffuse Sprache

          Der Widerspruchsgeist, das alte Lebenselixier der Kirchentage, wird untergraben auch durch die fortschreitende Ästhetisierung der Veranstaltungen. Die Menge wird oftmals als harmonische Gemeinschaft inszeniert, dissonanzlose Klangmatten sollen wohlige Atmosphäre schaffen.

          Die wohl größte Gefahr für den Kirchentag geht aber von einer verstörend diffusen Sprache aus. Ihr hervorstechendes Merkmal ist die Verkehrung der alten klaren Trennung der religiösen Sphäre von der weltlichen Sphäre ins Gegenteil. Statt nachvollziehbar in der Sache zu argumentieren, werden religiöse Formeln mit politisierten Begriffen und gefühligen Verben zu Sätzen amalgamiert, über deren Sinn auch nach Niederschrift bestenfalls Ahnungen möglich sind.

          Der Kirchentag wäre gut beraten, sich des Abschleifens der Kanten und der schleichenden Harmonisierung zu widersetzen. Auch wenn der Zwang dieses Mal in Gestalt eines freundlichen Lächelns daherkommt: Nur die Klarheit atmet die Freiheit.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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