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Kirchentag eröffnet : Wulff fordert „mehr Mut“ zur Ökumene

  • Aktualisiert am

Während des Eröffnungsgottesdienstes des Kirchentags auf den Elbwiesen in Dresden Bild: dpa

Bundespräsident Wulff hat bei der Eröffnung des 33. Evangelischen Kirchentags in Dresden die beiden Kirchen aufgefordert, mutiger „aufeinander zuzugehen“. Zu dem Laientreffen haben sich 120.000 Besucher angemeldet.

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          Bundespräsident Christian Wulff hat die beiden großen Kirchen in Deutschland zu mehr Ökumene aufgefordert. „Ich bin kein Theologe. Aber ich weiß: Viele Menschen in beiden Kirchen wünschen sich, genau wie ich, mehr ökumenische Zusammenarbeit, mehr Mut, aufeinander zuzugehen, mehr gemeinsames Handeln und Beten“, sagte Wulff am Mittwochabend bei der Eröffnung des Evangelischen Kirchentages in Dresden.

          „Viele Menschen in beiden Kirchen wissen, dass die christliche Botschaft in Zukunft nur glaubwürdig ist, wenn sie von allen Christen gemeinsam bezeugt, gemeinsam gelebt wird“, sagte Wulff, der selbst Katholik ist. „Das Land der Reformation sollte noch mehr das Pionierland der Ökumene werden.“ „Auch die Kirchen brauchen sich gegenseitig. Das haben die meisten längst begriffen“, sagte der Bundespräsident. Es freue ihn, wenn er Beispiele für die alltägliche Ökumene sehe, die an vielen Stellen selbstverständlich geworden ist.

          „Als ich am vergangenen Sonntag in Prillwitz in Mecklenburg war, feierte der evangelische Pfarrer ganz selbstverständlich mit uns in einer katholischen Kapelle Gottesdienst.“ Zu dem fünftägigen evangelischen Christentreffen in Dresden kommen auch tausende Katholiken, darunter der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch.

          Musiker üben für den Gottesdienst

          Vor der Rede des Bundespräsidenten war der 33. Evangelische Kirchentag mit drei parallelen Gottesdiensten offiziell eröffnet worden. Zu dem fünftägigen Laientreffen haben sich 120.000 Christen aus ganz Deutschland angemeldet. Bis Sonntag wollen sie über gesellschaftliche Fragen wie den Atomausstieg oder die Integration von Zuwanderern diskutieren, gemeinsam beten und feiern. Dazu sind mehr als 2300 Veranstaltungen geplant.

          Sachsens Landesbischof warnt vor Besitzstreben

          An den Open-Air-Gottesdiensten zum Auftakt nahmen zehntausende Gläubige teil. Sachsens Landesbischof Jochen Bohl warnte in seiner Predigt vor übermäßigem Besitzstreben. „Reichtum ist etwas Faszinierendes, kaum ein anderer Instinkt ist so stark wie der Wunsch zu besitzen“, heißt es im Manuskript der Predigt. Gleichwohl sei nicht selten zu beobachten, „dass der Besitz zum Unglücklichsein anleitet.“ Folge seien Konflikte und Streit. „Nein, Geld macht nicht glücklich, sondern lenkt von dem ab, was im Leben wirklich zählt“, meinte Bohl. Dazu zählten Gottvertrauen und ein reines Herz.

          Die Veranstalter hoffen, dass von dem Laientreffen neue Impulse für den Glauben ausgehen. „Ich würde mich freuen, wenn dieser Kirchentag bei Suchenden die Erkenntnis stärkt und Interesse daran weckt, dass das Christentum glaubwürdige Antworten und Angebote bereithält“, sagte Präsidentin Katrin Göring-Eckardt. Für das fünftägige Fest des Glaubens haben sich so viele angemeldet wie seit dem Kirchentag 1995 in Hamburg nicht mehr. Ein Drittel kommt aus dem Osten. „Dies ist der erste wirklich gesamtdeutsche Kirchentag seit (dem Mauerbau) 1961“, schloss Göring-Eckardt daraus.

          Die Resonanz gerade in Ostdeutschland sei umso bemerkenswerter, als dort nur ein Viertel der Bevölkerung einer christlichen Kirche angehöre. Im Westen sind es 70 Prozent. Göring-Eckardt verwies darauf, dass der Kirchentag inmitten großer Umbrüche in Deutschland und der Welt stattfinde, die viele Menschen verunsicherten und nach Orientierung suchen ließen. „In dieser Lage ist evangelische Zeitansage besonders gefragt.“ Dies gelte beispielsweise bei der Abkehr von der Atomkraft und der Energiewende in der Bundesrepublik. „Dieser Kirchentag kann ein kräftiges Zeichen für eine neue, andere Energiezukunft setzen“, sagte die Grünen-Politikerin.

          Merkel diskutiert über neue Weltordnung

          Bundespräsident Wulff will am Donnerstag mit jungen Deutschen ausländischer Abstammung über Integration diskutieren. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt nach Dresden: Sie diskutiert am Samstag über das Thema „Auf dem Weg zu einer neuen Weltordnung“. Im Mittelpunkt der zahlreichen theologischen Angebote auf dem Kirchentag steht die Diskussion über die Bibel. Thema ist auch der ökumenische Dialog mit der Katholischen Kirche, den viele Laien als schwierig und blockiert empfinden.

          Der Evangelische Kirchentag wird alle zwei Jahre in einer anderen Stadt organisiert und steht diesmal unter der Losung „ ... da wird auch dein Herz sein“. Das Großereignis wurde nahezu ausschließlich von Laien vorbereitet, 5000 ehrenamtliche Helfer engagieren sich. Dresdens Hotels und Pensionen sind ausgebucht, private Gastgeber haben zudem für die Kirchentagsgäste knapp 10.000 Betten bereitgestellt. Zudem stehen fast 45.000 Übernachtungsplätze in Schulen und anderen Gemeinschaftsquartieren in und um Sachsens Landeshauptstadt zur Verfügung.

          Für Aufregung sorgte ein verdächtiger Beutel in einem Zug auf dem Dresdner Hauptbahnhof, nach dessen Fund die Polizei Großalarm auslöste. Nach knapp zwei Stunden stand fest, dass es sich nicht um eine Bombe, sondern um ein harmloses Gepäckstück handelte. Der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer zeigte sich erfreut darüber, dass der Kirchentag wieder politischer als zuletzt sei. Das Christentreffen knüpfe wieder an die großen gesellschaftlichen Themen der achtziger Jahre wie Frieden, Umweltschutz oder Atomausstieg an, sagte Schorlemmer der „Leipziger Volkszeitung“. Er erwarte beim Kirchentag harte Debatten darüber, denn: „Wir gießen manchmal zu oft süße Soße über die Probleme.“

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