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Geld für Gemeinden : Wo bleibt die Kirchensteuer?

Die Gemeinde in Prien beschäftigt zwar auch noch eine Pfarramtssekretärin in Teilzeit und eine Jugendreferentin. Das aber kann sie sich nur leisten, weil Wackerbarth jährlich mehr als 150.000 Euro an Spenden einwirbt und wie in vielen anderen Gemeinden auf jede kleine Ausgabe geachtet wird.

Landeskirchenamt präsentiert andere Rechnung

Wackerbarth meint, dass bei der Verteilung der Kirchensteuern etwas nicht stimmt. „Bei mir kommt nur ein Drittel an“, kritisiert er. Wo bleiben die restlichen 475.000 Euro?

Im Landeskirchenamt in München ist für die Kirchengemeinden Hans-Peter Hübner zuständig. „Die Ausgangszahlen von Wackerbarth stimmen“, bestätigt der Oberkirchenrat. Für die Gemeinde in Prien hat Hübner eine Gegenrechnung erstellt, die nicht nur deutlich komplizierter ist als der Ansatz von Wackerbarth, sondern auch zu ganz anderen Ergebnissen kommt. Hübner setzt eine Zwanzig-Prozent-Umlage für die Landeskirche an, rechnet noch eine Umlage an das Dekanat hinzu, schlägt die Ausgaben für die Klinikseelsorgerin der Kirchengemeinde zu und so weiter. Wackerbarths 475.000 Euro schrumpfen zusammen auf 63.095 Euro. Immerhin, die könnten für die Gemeinde in Prien zusätzlich zur Verfügung stehen.

Die Kirche als Dienstleister

Pfarrer Wackerbarth kennt die Gegenrechnung, die der von ihm geschätzte Oberkirchenrat aufgemacht hat. Die darin veranschlagten Umlagen für die Landeskirche halte er auch für sinnvoll, sagt Wackerbarth. Der Gemeindebund fordere auch gar nicht, die gesamte Kirchensteuer in die Gemeinden zu leiten. Realistisch sei aber, der Gemeinde statt nur 75.000 Euro für die Gemeindearbeit etwa 250.000 Euro zur Verfügung zu stellen. Dann könnten sie sich viel besser um die Kirchenmitglieder kümmern. „Wir müssen ein Stück weit Dienstleister sein“, fordert Wackerbarth. „Doch den Gedanken, für die Menschen da zu sein, haben wir verloren. Und die Kirchengemeinden sind völlig aus dem Blick geraten.“

Die Klage, dass die Kirche den Kontakt zu ihren Mitgliedern verliert, ist keineswegs neu. Es gab sie schon während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Nur schlossen die Kirchenleitungen schon damals das Gegenteil daraus: Statt die Gemeinden zu stärken, gründeten sie viele neue Einrichtungen, die sogenannten „Dienste und Werke“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Aufbau solcher Strukturen noch einmal beschleunigt, weil die Einnahmen der Kirchen zu sprudeln begannen wie niemals zuvor. Der Kirchenhistoriker Wolf-Dieter Hauschild sprach für die 1960er und 1970er Jahre von der „dagobertinischen Phase“ der Kirchengeschichte.

Kirchensteuer kommt anderen Einrichtungen zugute

Ein Beispiel: Die Einnahmen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau stiegen zwischen 1950 und 1974 um mehr als das Zehnfache, wie der Historiker Stefan Schmunk in einer Dissertation nachwies. Inflationsbereinigt, wohlgemerkt; mit Inflation verzwanzigfachten sich die Einnahmen. Den Kirchengemeinden kam dieser enorme Zuwachs nur eingeschränkt zugute. Denn die Gemeinden galten den fortschrittlichen Theologen als langweilig oder gar überholt. Also wurden immer mehr Sonderpfarrämter geschaffen. Sobald die Kirchenoberen in einem Bereich einen Mangel oder eine Chance erahnten, wurde mit frischem Geld und neuen Stellen nachgeholfen – ohne an anderer Stelle zu sparen.

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