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Kirchen verlieren Mitglieder : Die Kirchensteuer ist der wichtigste Grund für Austritte

Ein goldenes Kreuz auf einer evangelischen Kirche im niedersächsischen Laatzen: Im Jahr 2020 ist die Zahl der Kirchenaustritte offenbar nur wegen der Sonderbedingungen durch Corona etwas zurückgegangen. Bild: dpa

Im vergangenen Jahr haben wieder Hunderttausende Menschen die Kirche verlassen – nur wegen der Pandemie waren es etwas weniger als 2019. Warum tun sie das? Eine Studie der evangelischen Landeskirchen Württemberg und Westfalen gibt Aufschluss.

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          Die Zahl der amtlich erfassten Christen in Deutschland ist im vergangenen Jahr um etwa 900.000 Personen zurückgegangen. Wie aus den am Mittwoch veröffentlichten Statistiken der evangelischen und der katholischen Kirche für das Jahr 2020 hervorgeht, sank die Zahl der Katholiken um etwa 400.000 auf annähernd 22,2 Millionen. Die evangelische Kirche bezifferte die Zahl ihrer Mitglieder zum Jahresende 2020 mit 20,2 Millionen. Dies entspricht einem Rückgang um etwa 500.000 Personen. Zusammen mit den (oft geschätzten) orthodoxen Christen und Mitgliedern diverser Freikirchen lassen sich demnach noch 44,8 der insgesamt 83,1 Millionen Deutsche als Christen bezeichnen. Dies entspricht einem Anteil an der Wohnbevölkerung von 54 Prozent. 1990, im Jahr der Wiedervereinigung. hatte der Anteil der Christen an der Wohnbevölkerung noch bei etwa 72 Prozent gelegen.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Wegen der Conora-Pandemie und den damit einhergehenden Einschränkungen für die die Feier von Gottesdiensten und andere Amtshandlungen sind die sogenannten Eckdaten des kirchlichen Lebens für 2020 mit denen der vergangenen Jahre nur bedingt vergleichbar. So vermeldete das Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz einen Rückgang der Zahl der Kirchenaustritte binnen Jahresfrist um 18,8 Prozent auf nun noch rund 221.000. Die Aussagekraft dieser Zahl ist jedoch begrenzt, weil es wegen der Pandemie schwer, zeitweise sogar unmöglich war, seinen Austritt bei einer Behörde, einem Gericht oder vor einem Notar zu erklären. In den Monaten, in denen die Standesämter offen waren, sei das „Niveau weiterhin besorgniserregend hoch“ gewesen, sagte der württembergische Oberkirchenrat Martin Kastrup der F.A.Z. Unbestritten ist, dass die Zahl der Austritte im Jahr 2020 allen Hindernissen zum Trotz eine der höchsten seit der Wiedervereinigung ist. Auch im laufenden Jahr ist die Austrittsbereitschaft weiterhin sehr hoch.

          Massiver Sterbeüberschuss

          Im Erzbistum Köln sank die Zahl der Kirchenaustritte ebenfalls – von 24.298 im Jahr 2019 auf 17.281 im vergangenen Jahr. Die Vertrauenskrise um Rainer Maria Kardinal Woelki, die in den vergangenen Monaten zu einer Welle von Kirchenaustritten geführt hatte, hatte sich erste Ende 2020 entfaltet und dürfte sich vor allem im laufenden Jahr auswirken.

          Austritte sind jedoch nur ein Grund für das Schrumpfen der Kirchen. Der zweite ist ein massiver Sterbeüberschuss. So wurden im vergangenen Jahr in der katholischen Kirche fast 237.000 Beerdigungen registriert, aber nur 104.000 Taufen. 1990 standen 252.000 Beerdigungen noch fast 300.000 katholische Taufen gegenüber. In der evangelischen Kirche zeigt sich ein ähnliches Bild. Getauft wurden 2019 etwa 160.000 Kinder und Erwachsene, bestattet wurden 255.000 evangelische Christen.

          Auch die Kirchen selbst hüteten sich am Mittwoch davor, die leichte Verlangsamung bei den Austritten als Trendumkehr zu werten. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, bezeichnete die Statistik als „schmerzlich“. „Viele haben das Vertrauen verloren und möchten mit dem Kirchenaustritt ein Zeichen setzen“, sagte Bätzing. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Wie die zurückgehende Zahl von Kirchenaustritten zu deuten ist, können wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch schwer sagen.“

          Gleichgültigkeit bei den Jüngeren

          Der wichtigste Grund für den Mitgliederverlust der großen Kirchen ist die Kirchensteuer. Andere Faktoren wie schlechte Erfahrungen mit Geistlichen oder Ärger über politische Einlassungen der Kirchen spielen hingegen kaum eine Rolle. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Untersuchung der beiden evangelischen Landeskirchen Württemberg und Westfalen, die der F.A.Z. vorliegt.

          Aus der Untersuchung der Kirchenaustritte ergibt sich, dass die Ersparnis der Kirchensteuer für rund 75 Prozent der Ausgetretenen eine maßgebliche Motivation ist. Die Gründe für den Kirchenaustritt unterscheiden sich zudem stark nach Alter. Bei Personen über 40 Jahren gibt es häufig einen konkreten Anlass, zu dem sie sich über die Kirche geärgert haben.

          Bei den Jüngeren ist es häufig eine allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber der Kirche und besonders bei jüngeren Männern auch eine allgemeine Ablehnung von Religion. Nur vier Prozent der befragten Ausgetretenen begründeten ihren Austritt mit der politischen Haltung der Kirche. Studienautor Fabian Peters spricht von einem „signifikanten, aber überschaubaren Faktor“, der besonders bei älteren Männern zu beobachten sei.

          Graffito in der Bonner Altstadt: Das Niveau der Kirchenaustritte sei „weiterhin besorgniserregend hoch“, sagt der württembergische Oberkirchenrat Martin Kastrup.
          Graffito in der Bonner Altstadt: Das Niveau der Kirchenaustritte sei „weiterhin besorgniserregend hoch“, sagt der württembergische Oberkirchenrat Martin Kastrup. : Bild: Picture-Alliance

          Das kontrovers diskutierte Engagement der Kirche für die Seenotrettung von Migranten im Mittelmeer führten lediglich zehn von 500 Befragten als Grund für ihren Austritt an. „Unsere Vermutung war, dass das eine größere Rolle spielt“, sagte Peters der F.A.Z.

          Die Debatte über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche wirkt sich hingegen stark auf die evangelische Kirche aus. „Wir werden nicht voll, aber weitgehend in die Mithaftung genommen“, sagte der württembergische Oberkirchenrat Kastrup.

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